Essstörungen: Welche Rolle spielt die Familie?

Ursache

Essstörungen: Welche Rolle spielt die Familie?

Frage: Wieso liegt die Ursache für das Entstehen von Essstörungen häufig in der eigenen Familie?

Antwort: Die Entstehung von Essstörungen ist ein komplexes Zusammenspiel von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren. Auf der psychischen Ebene ist vor allem eine gestörte Emotionsregulation verantwortlich (Bewältigung von Gefühlen durch Essen oder Nicht-Essen), auf der biologischen Ebene spielen auch genetische Faktoren eine Rolle. Auch das in den Medien verbreitete Bild von Schönheit ist entscheidend. Während Magersüchtige fast gänzlich aus überintakten, „idealen“ Familien stammen, leben ess-brechsüchtige Patientinnen zumeist in zerrütteten Elternhäusern, die durch Konflikte und Streit gekennzeichnet sind. In den Familien Magersüchtiger herrschen hohe Ideale. Magersüchtige stammen überdurchschnittlich häufig aus Familien des gut situierten Mittelstands ohne finanzielle Probleme. Ein Anstreben von Ordnung, Leistung und Ehrgeiz lässt die Eltern keine Kosten und Mühen scheuen, der Tochter soziales Prestige durch gute Ausbildung, sportliche Aktivitäten etc. angedeihen zu lassen. Leistungsdruck muss also verkraftet werden, Vernunft hat Vorrang vor Emotionen. Krankheit bedeutet nun, gegen die Grenzüberschreitung anderer Familienmitglieder zu protestieren. In manchen Fällen lösen einzelne Ereignisse Essstörungen aus. Meist denken Erkrankte, ein geändertes Essverhalten könnte die aufgetauchten Probleme beseitigen. Die einschneidenden Lebensereignisse sind nur Auslöser einer Essstörung, aber oftmals nicht ihre Ursache. Traumatische Erlebnisse wie der Verlust einer geliebten Person, eine Missbrauchssituation oder eine Scheidung fallen ebenso in diese Kategorie von Schlüsselerlebnissen wie der Verlust der „Star-Rolle“ innerhalb der Familie durch die Geburt eines Geschwisterchens, Beendigung der Schule oder andere entwicklungsbedingte Aufgaben. Essstörungen sind also häufig Bewältigungsstrategien Jugendlicher, um existenzielle Entwicklungsängste, Probleme und Unsicherheiten zu überwinden.

Dr. Jutta Leth, Fachärztin für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, 1010 Wien. 


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