Medizin

Patienten-Schädigungen

Häufigkeit von Medizin-Schäden nimmt zu

Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit der Kranken werden immer wichtiger

Die Medizin wird immer wirkungsvoller und komplexer. Das führt zu mehr Behandlungserfolgen, aber auch zu mehr potenziellen Gefährdungen durch im Rahmen von Diagnose oder Heilbehandlung auftretenden Schäden. Dies betonte am Donnerstag der Schweizer Experte Thomas Zeltner anlässlich seiner Universitätsvorlesung an der MedUni Wien im AKH zum Thema Patientensicherheit.

Zeltner war Co-Gründer des "Global Patient Safety Forum" und ist für diesen Bereich seit 2009 Sonderbeauftragter der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Patientensicherheit sei über den Formulierung "zumindest nicht schaden" seit jeher im Hippokratischen Eid verankert, bekomme aber immer größere Bedeutung, betonte der Arzt und Jurist.

Weltweite Kampagnen wurden von der WHO gestartet

"Wenn man sich das weltweit ansieht, nehmen die Medizin-Schäden zu, sie nehmen nicht ab", sagte Zeltner. Das sei der Fall, weil die Medizin in der Vergangenheit relativ ineffektiv und einfach gewesen sei. "Aber sie wird immer interventioneller und risikoreicher. Dabei wissen wir, was gemacht werden sollte." Die WHO habe in den vergangenen Jahren große weltweite Kampagnen zur Handhygiene, zu sicheren Operationen und zu Medikationsirrtümern- und -Fehlern gestartet.

Frage der Spitalskeime und der Antibiotika-Resistenzen habe oberste Priorität

Zeltner skizzierte die Ausmaße der Probleme so: "In den USA sind Medizin-Schäden nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs bereits die dritthäufigste Todesursache." 70 Prozent der Patienten würden bei längerfristiger Einnahme von Arzneimitteln Probleme mit der Medikation bekommen. Oberste Priorität in Sachen Patientensicherheit müsse derzeit die Frage der Spitalskeime und der Antibiotika-Resistenzen haben. "In den USA hat man das Thema der Antibiotika-Resistenzen im Verteidigungsministerium angesiedelt." Wenn die Medizin da nicht wirksam gegensteuere, könnte eine Situation entstehen, in der man in Zukunft Spitäler nicht mehr so führen könne, wie das bisher der Fall gewesen sei.

"Nichts ist teurer als die Komplikation"

Es bei weitem nicht eine Sache der aufgewendeten finanziellen Mittel, betonte Zeltner. Effektive Handhygiene sei vergleichsweise billig, Checklisten für sichere Operationen und deren Befolgung auch. Auch Medikationsfehler könne man in den Griff bekommen. "Nichts ist teurer als die Komplikation", sagte Klaus Markstaller, Leiter der Universitätsklinik für Anästhesie, Allgemeine Intensivmedizin und Schmerztherapie der MedUni Wien im AKH. Er hat als Präsident des Vereins zur Förderung von Wissenschaft und Forschung am AKH die Universitätsvorlesung organisiert.

Schnittstellenproblematik als Fehlerquelle

Oft liegen die Ursachen für Probleme im Medizinbetrieb, welche zu Schäden führen, in der sogenannten Schnittstellenproblematik - beim komplexen Zusammenwirken verschiedenster Berufsgruppen. Der Patient habe nichts davon, wenn sprichwörtlich eine Turbine eines Flugzeugs funktioniere, dafür aber eine Tragfläche einen Defekt habe, sagte Markstaller.

Am Wiener AKH wurde deshalb zum Beispiel ein System etabliert, bei dem Personal der Intensivstation einen auf die Normalstation rückübersiedelten Patienten besucht. Das intensiviert die Kontrolle des Zustandes des Betroffenen und damit auch die Sicherheit. "Laut Studien ist nichts nachteiliger für einen Intensivpatienten als wenn er ungeplant rückübersiedelt wird", sagte Markstaller. Laut Zeltner schaffen es die besten Schweizer Kliniken nicht, mehr als 70 Prozent des Personals zu einer ordnungsgemäßen Handhygiene zu veranlassen. In den US-Spitzenkliniken seien hingen Raten 98 Prozent dokumentiert.