Corona

Aus der Forschung

Covid-19: Neue Medikamente geben Hoffnung für die Therapie

Während die Coronavirus-Vakzine bereits um Impfwillige buhlen, steckt die Entwicklung von wirksamen Medikamenten noch in den Kinderschuhen. Doch es gibt Hoffnung: 

Neuerlich stark steigende Infektionszahlen und stagnierendes Impftempo erhöhen den Druck auf Gesellschaft wie auf Wissenschaft. Längst ist klar, dass uns das Virus wohl noch lange begleiten wird und man wohl niemals die gesamte impfbare Bevölkerung von der Impfung überzeugen wird können. Umso mehr rückt auch die Medikamentenforschung in den Fokus.

Delta-Variante erhöht Druck
Die Delta-Variante des Coronavirus, die in unseren Breitengraden aktuell vorherrscht, bringt nicht nur ein höheres Ansteckungsrisiko mit sich: Auch die Rate schwerer Erkrankungsverläufe (besonders bei Ungeimpften) ist gegenüber älteren Virusvarianten erhöht. Die hochansteckende Variante ist ein klares Beispiel dafür, was passiert, wenn das Virus immer wieder Schlupflöcher findet, wo es zirkulieren kann – dies ist dort der Fall, wo wenig erworbene Immunität (durch Impfung oder überstandene Infektion) vorhanden ist. Der Bedarf an wirksamen Arzneimitteln bleibt also enorm groß.

Verschiedenste Wirkstoffe in den Startlöchern
Laut aktuellem Stand ist das Medikament Remdesivir das bisher einzige Arzneimittel, das in der Europäischen Union zur Behandlung einer Covid-19-Erkrankung zugelassen ist. „Das als Erstes bekannt gewordene Remdesivir ist ein Medikament, das die Virusreplikation behindert“, erklärte Prim. Univ.-Prof. Dr. Richard Greil im gesund&fit-Interview. „Es kommt zu einer Verringerung der Viruslast und damit der toxischen Schäden auf die Zellen des Atemwegsystems.“ Dadurch kann eine deutliche Verkürzung der Genesungszeit erzielt werden. (Der Wirkstoff wurde ursprünglich zur Behandlung von Ebola entwickelt, scheiterte aber am Zulassungsprozess, Anm.) Parallel dazu nahm auch die Forschung an Rekonvaleszentenplasma (Mix aus gewonnenen Antikörpern, Anm.) enorme Fahrt auf: Das potente Plasma soll vor allem bei jenen Covid-Patientinnen und -Patienten eingesetzt werden, die aufgrund einer schweren Immunsuppression selbst keine Virusantikörper bilden können. Indes wird permanent geprüft, welche (gegen andere Erkrankungen) bereits am Markt erhältlichen Medikamente gegen das Virus wirksam sein könnten. Das passiert, indem man mit Supercomputern die „dreidimensionale Architektur der Medikamente begutachtet und klärt, ob sie mit den Proteasen des Virus interagieren“, so Prim. Greil. „Proteasen, eiweißspaltende Enzyme, braucht das Virus, um sich in den Zellen vermehren zu können.“ So wird simuliert, ob bestimmte Medikamente diese Proteasen zufällig hemmen. Die Forschung an bereits vorhandenen Medikamenten ist eine große Hoffnung im Kampf gegen das Coronavirus. Sich aktuell im Zulassungsprozess befindend ist etwa auch ein Arthritis-Medikament namens Kineret. Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) prüft derzeit, ob es gegen das Coronavirus wirksam ist und alle Anforderungen für die Zulassung erfüllt.

Präventive Medikamente bald am Markt?
Großes Potenzial haben auch hochmoderne, sich gerade in Entwicklung befindliche Antikörper-Medikamente. Ein solches ist „AZD7442“ des Konzerns AstraZeneca. Laut klinischer Tests schützt es wirksam vor einer Coronavirus-Erkrankung. Es ist also (zumindest derzeit) nicht zur Behandlung bereits bestehender Erkrankungen vorgesehen, sondern vor allem als Vorsorge für all jene, für die eine Impfung nicht gut geeignet ist. Das Antikörpermittel soll an der Seite der Impfstoffe symptomatische und vor allem schwere Erkrankungsverläufe verhindern. Es kombiniert zwei langwirksame Antikörper, die, laut Angaben des Konzerns und basierend auf einer Phase-III-Studie, das Risiko, symptomatisch an Covid-19 zu erkranken, um 77 Prozent reduzieren. Das Antikörpermittel wird in einer Dosis in den Muskel gespritzt und soll damit leicht zu verabreichen sein. Dem Unternehmen zufolge ist das Medikament das erste präventive Mittel, das kein Impfstoff ist und in klinischen Studien einen wirksamen Schutz vor Covid-19 gezeigt hat. Die Schutzwirkung soll bis zu zwölf Monate anhalten und auch gegen die derzeit kursierende Delta-Variante funktionieren. Es wird erwartet, dass der Hersteller bald die Zulassung bei der EMA beantragt.

Der vergessene Hype um Asthma-Sprays
Eine Arzneimittelgruppe, die vor einigen Monaten kurzzeitig große Aufmerksamkeit erfuhr, sind Asthma-Sprays. Der Verkauf der Produkte war massiv in die Höhe geschnellt und hat sogar kurzzeitig die Versorgung von Asthma-Patientinnen und -Patienten gefährdet. Der Hype um die Cortison-Präparate mit Budesonide war laut kürzlich im renommierten Lancet-Magazin erschienener Studie jedoch unbegründet. Die ersten hoffnungsreichen Meldungen über den Effekt einer Budesonide-Behandlung bei Covid-19-Patienten hatten sofort Schlagzeilen gemacht: Demnach sollte mit dem Asthmamittel zum Inhalieren unter anderem die Wahrscheinlichkeit von ambulanter oder stationärer Spitalsbehandlung drastisch reduziert werden können (innerhalb von 28 Tagen infolge einer SARS-CoV-2-Infektion um 90 Prozent). Allerdings wurden laut Lancet diese ersten sehr positiven Aussagen auf Basis der Daten von nur knapp 150 Covid-19-Patienten gemacht, die zur Hälfte Cortison erhielten. Die jetzt veröffentlichte Studie ist die erste breit angelegte Untersuchung betreffend der Wirksamkeit: Konkret ging es um die Möglichkeit, mit inhalierbarem Budesonide bei Personen mit hohem Risiko weitere Komplikationen zu verhindern. Das eher ernüchternde Ergebnis der Studienautoren: Es gebe einen Vorteil betreffend der Zeitdauer (im Schnitt 2,94 Tage) bis zur von den Patienten selbst berichteten Genesung. Eine in der Budesonide-Gruppe um 2,2 Prozentpunkte geringere Häufigkeit von Spitalsaufnahmen bzw. von Covid-19-Todesfällen (6,8 Prozent versus 8,8 Prozent) sei laut Autoren zu gering für eine signifikante Aussage hinsichtlich der erhofften Verhinderung von Hospitalisierungen und Todesfällen.   

Die neuen Therapie-Optionen

✏ Remdesivir
Das einzige in der EU bisher zu­gelassene Covid-19-Medikament Remdesivir hemmt die Virus­multiplikation.

✏ Plasma

Mit Antikörpern angereichertes Plasma kann vor allem jenen helfen, die das Virus längere Zeit nicht selbst eliminieren können.

✏ Antikörper-Medikamente
Als Alternative oder Ergänzung zur Schutzimpfung könnten bald die ersten Vorsorge-Arzneimittel auf den Markt kommen. Diese Antikörper-Präparate sollen eine Ansteckung verhindern.

✏ Diverse Arzneien im rennen
Eine ganze Reihe an bereits zugelassenen Anwärtern werden auf ihre potenzielle Wirksamkeit gegen Covid-19 überprüft. Aktuell gut im Rennen liegt etwa das ­Arthritis-Mittel Kineret.  

Univ.-Prof. Kollaritsch über Immunität: 

Mehrere Abwehr-Komponenten entscheidend
„Die Immunität nach Covid-Impfungen“, so Univ.-Prof. Kollaritsch, Mitglied des nationalen Impfgremiums, „wird sowohl durch die Ausbildung von Antikörpern als auch spezifischer Komponenten der sogenannten zellulären Abwehr bestimmt.“

Zur Erklärung: Antikörper sind Teil der Humoralen Immunantwort. Sie verhindern das Eindringen der Viren in die Zelle. Auf einer weiteren Front arbeitet die zelluläre Immunantwort mit Hilfe von T-Lymphozyten. Diese gehören zu den weißen Blutkörperchen und spüren vom Virus befallene Zellen auf, um sie zu zerstören und so eine weitere Virusausbreitung im Körper zu verhindern.

Abwehr mit „Memory-Effekt“
Ein weiterer wesentlicher Unterschied zwischen den beiden „Abwehrsystemen“: Die Konzentration der Antikörper nimmt mit der Zeit ab. Die zelluläre Abwehr hingegen verfügt über (T-)Gedächtniszellen, die erhalten bleiben und sich an das Virus erinnern, sobald der Körper damit in Berührung kommt. Die zelluläre Abwehr lasse sich jedoch nicht mit den üblichen Labormethoden messen. (Anm.: Dafür brauche es einen IGRA-Test: Interferon Gamma Release Assays).

Antikörper messen sinnvoll?
Nicht aussagekräftig: „Die Antikörperantwort allein zu messen“, so Kollaritsch, „erlaubt daher prinzipiell nur einen teilweisen und nicht repräsentativen Rückschluss auf Immunität, vor allem nicht auf ihre Dauer. Zudem existiert derzeit kein Test, dessen Ergebnis zweifelsfrei eine Immunität widerspiegelt.“  

Univ.-Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, DTM, ZRM Facharzt für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin und für Hygiene und Mikrobiologie; Mitglied des nationalen Impfgremiums