Kino

Genitalbeschneidung

Filme helfen im Kampf gegen gefährliche Traditionen

Produzierte Spielfilme könnten die Praxis weiblicher Genitalbeschneidung bekämpfen

Jährlich werden über zwei Millionen Mädchen beschnitten, was oft zu psychischen Traumata und schweren Gesundheitsproblemen führt. Forscher der Universität Zürich haben einen ungewöhnlichen Weg gewählt, dieser Tradition entgegenzuwirken: Sie produzierten Spielfilme zu dem Thema und zeigten, dass diese im Kampf gegen die Genitalbeschneidung helfen könnten, berichten sie im Fachjournal "Nature".

Forscher setzen bei den oft gegensätzlichen Einstellungen innerhalb der Familien an

Internationale Organisationen kämpfen seit Jahrzehnten gegen die Praxis weiblicher Genitalbeschneidung. Dennoch hält sich die Tradition hartnäckig in Regionen in Afrika, Asien und dem Mittleren Osten. Jüngste Studien zeigen allerdings, dass in den betreffenden Gemeinschaften keine einheitliche Einstellung dazu vorherrscht. Selbst innerhalb von Familien gibt es unterschiedliche Meinungen dazu.

Aufklärung mittels Spielfilm

Genau bei diesen gegensätzlichen Einstellungen setzten die Forscher um den österreichischen Ökonomen Ernst Fehr und Charles Efferson von der Uni Zürich gemeinsam mit sudanesischen Kollegen an. Sie zeigten, dass ein unterhaltsamer Spielfilm, in dem nebenbei Argumente für und gegen weibliche Genitalbeschneidung thematisiert wurden, die Meinung der Zuschauer gegenüber unbeschnittenen Mädchen verbesserte.

Die Wissenschafter produzierten vier Versionen eines 90-minütigen Films über eine Familie im Sudan. In der Haupthandlung ging es um Liebe, Intrige und Betrug. In drei der vier Versionen gab es außerdem eine 27-minütige Nebenhandlung über Töchter, die sich dem Beschneidungsalter nähern. Der vierte Film - die Kontrolle - enthielt keinen Hinweis auf weibliche Genitalbeschneidung.

In dieser Nebenhandlung diskutierten die Protagonisten der erweiterten Familie über das Für und Wider der Beschneidung. Eine Version fokussierte dabei auf persönliche Wertvorstellungen, also die Bedeutung der Beschneidung in Sachen Moral, Reinheit und religiöser Verpflichtung.

In der zweiten Version drehte sich die Diskussion um die Frage, ob ein beschnittenes oder ein nicht beschnittenes Mädchen bessere Heiratsaussichten habe. In der dritten Version wurden beide Themenbereiche diskutiert. In allen drei Versionen fiel nach ausführlicher Diskussion die Entscheidung, auf die Beschneidung der Mädchen zu verzichten.

Positive Einstellung gegenüber unbeschnittenen Mädchen wurde verstärkt

"Statt Druck auf die Gemeinschaften auszuüben und ihr kulturelles Erbe zu ignorieren, haben wir die gegensätzlichen Einstellungen zur Beschneidung als Ausgangspunkt genommen", sagte Studienautorin Sonja Vogt in einer Aussendung der Uni. An der Studie nahmen rund 8.000 Personen aus 127 Gemeinschaften im Sudan teil, die zufällig in vier Gruppen eingeteilt wurden und eine der Filmversionen zu sehen bekamen. Anschließend ließen die Forscher die Zuschauer einen Test am Computer absolvieren, der ihre Einstellung gegenüber unbeschnittenen Mädchen testete. Einige absolvierten den Test sofort, andere erst nach einer Woche.

Im Vergleich zu denjenigen, die den Kontroll-Film ohne Erwähnung von Beschneidung zu sehen bekamen, zeigten die Zuschauer der anderen drei Versionen nach dem Film eine positivere Einstellung gegenüber unbeschnittenen Mädchen. Besonders die Filmversion, in der sowohl persönliche Wertvorstellungen als auch Heiratsaussichten thematisiert wurden, zeigte auch nach einer Woche noch diesen Effekt.

Forscher sind optimistisch

Ob sich die Wirkung des Spielfilms auch im Verhalten der Zuschauer niederschlägt und tatsächlich zum Verzicht auf die Beschneidung von Mädchen führt, ist allerdings noch unklar. "Wir wollen das weiter nachverfolgen, um einen möglichen Effekt auf das Verhalten zu testen", sagte Fehr.

Fehr und Kollegen sind jedoch optimistisch, dass das Unterhaltungsformat Potenzial habe und von Organisationen genutzt werden könnte, die sich gegen weibliche Genitalverstümmelung einsetzen. Mit Spielfilmen erreiche man zudem ein breiteres Publikum als mit Bildungsdokumentationen. "Diese laufen Gefahr, vor allem jene Personen anzusprechen, die bereits überzeugt sind", so Efferson.