Tablettensucht: Wie gehe ich mit Betroffenen um?

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Tablettensucht: Wie gehe ich mit Betroffenen um?

OÄ. Dr. Jutta Leth, Fachärztin für Psychiatri, antwortet.

Frage: In meinem Verwandtenkreis ist eine Person abhängig von Medikamenten. Wie soll man sich als Angehöriger am besten dem Betroffenen gegenüber verhalten?

Antwort: Medikamente, die abhängig machen, sind vor allem Beruhigungs- und Schlafmittel (Benzodiazepine), Schmerzmittel, Abführmittel und Appetitzügler. Oft werden solche Medikamente als Bedarfsmedikation (für Krisen oder akute Zustände wie Schmerzen, Schlafstörungen, Angstzustände etc.) verschrieben und es wird vom Arzt nicht ausdrücklich und vorab besprochen, wie lange und häufig die Einnahme maximal erfolgen darf. Jede regelmäßige Medikamenteneinnahme muss unter einer engmaschigen ärztlichen Betreuung erfolgen, da die Entwicklung einer Sucht auch bei diesen Substanzen rasch erfolgt. Wie bei Alkohol über die Schritte einer Toleranzentwicklung (man braucht immer höhere Dosen um den gewünschten Erfolg zu erzielen) bzw. Entwicklung einer Entzugssymptomatik, wenn die Substanz fehlt (Unruhezustände, Nervosität, Anspannung, Angst, depressive Verstimmungen , Zittern, Schwitzen, Übelkeit, Blutdruckschwankungen, Herzrasen bis hin zu epileptischen Anfällen bei Tranquilizern, massive Verstopfung bei Abführmitteln oder verstärkte Kopfschmerzen beim Entzug der Schmerztabletten).
So wie bei der Abhängigkeit von Alkohol oder Drogen ist eine fachärztlich begleitetete Entzugstherapie erforderlich (beginnend mit körperlicher Entzugsbehandlung und in weiterer Folge einer Bearbeitung der psychischen Abhängigkeit mit forcierter Psychotherapie zur Entwicklung alternativer Handlungsstrategien und Wiedererlangung einer Substanzfreiheit im Lebensvollzug). Entsprechende Therapieangebote bestehen in psychiatrischen Abteilungen in Spitälern, bei Institutionen wie dem Anton-Proksch-Institut, bei niedergelassenen Fachärzten und Psychotherapeuten. Unterstützend zu empfehlen sind Angebote von Selbsthilfegruppen. Betroffen in Österreich sind vermutlich 150.000 Menschen (im Unterschied zum Alkohol- und Drogenbereich mehr Frauen als Männer)

OÄ. Dr. Jutta Leth, Fachärztin für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin bei JUVENIS, 1010 Wien. www.juvenismed.at