Kaiserschnitt im Mythen-Check

Stimmt es, dass...?

Kaiserschnitt im Mythen-Check

Während man früher den Kaiserschnitt nur bei Mehrlingsgeburten, in Notfällen oder bei riskanten Geburten anwandte liegt immer mehr im Trend. Bei 24 Prozent aller Geburten in Österreich findet der Kaiserschnitt Anwendung.

Ein sanfter Schnitt
Immer mehr Frauen entscheiden sich freiwillig für diese Geburtsmethode, die auch viele Vorteile bietet. Stundenlange Wehen fallen weg und das Geburtsdatum ist planbar - man kann sicherstellen dass der Partner und andere Helfer bereit stehen. Ein geplanter Wunsch-Kaiserschnitt wird 14 Tage vor der Geburt angesetzt, der Eingriff dauert meist 45 Minuten und ist für die Frau absolut schmerzfrei. Die Narbe verläuft unterhalb der Bikini-Grenze, ist also praktisch für niemanden zu sehen. Doch auch die Liste der Contras ist lang.

Teuer, Gesundheitsrisiken, Mythen
Kritiker sehen im Kaiserschnitt-Trend eine zunehmende Entmündigung der Mutter, die durch den Kaiserschnitt eines der wichtigsten Ereignisse ihres Lebens in die Hände der Ärzte legen würde. Zudem muss man auch die finanzielle Seite betrachten, denn für eine Geburt mit Kaiserschnitt wird deutlich mehr Geld an die Kliniken bezahlt als bei einer natürlichen Geburt. Frauen werden oft gezielt zum Kaiserschnitt ermutigt, Slogans wie "Erhalte deinen Liebeskanal" würden den Trend noch weiter anheizen.

Wir haben die häufigsten Kaiserschnitt-Mythen unter die Lupe genommen:

Kaiserschnitt im Mythen-Check 1/4

Mythos 1: Schock für das Kind

Antwort: Da ein Kaiserschnitt meist vor dem errechneten Geburtstermin angesetzt wird, kann es beim Kind zu Anpassungsstörungen an das Leben außerhalb des Körpers der Mutter kommen. Anders als bei einer herkömmlichen Geburt wird das Fruchtwasser beim Kaiserschnitt nicht aus den Lungen gepresst - die Geburt erfolgt plötzlich. Es kann also zu Atemproblemen kommen, wenn das Fruchtwasser nicht ganz aus den Lungen gepresst wurde.Zumeist wird das Neugeborene nach der Geburt für die Zeit, in der die Operation beendet wird, von der Mutter getrennt und kann erst später als bei einer natürlichen ­Geburt angelegt werden. Dieser Umstand kann zu einer verminderten Milchbildung führen.

Mythos 2: "Erhalte deinen Liebeskanal"

"Erhalte deinen Liebeskanal und lass gleich einen Kaiserschnitt machen" - mit diesem Slogan werben amerikanische Ärzte bei Schwangeren für eine Kaiserschnitt-Geburt.Immer mehr Frauen folgen dem Trend, weil sie fürchten, dass eine natürliche Geburt ihre Scheide „ausleiert“. So leiden viele Frauen nach einer normalen Geburt unter Inkontinenz, andere erleben den Sex nach einer Geburt nicht mehr so intensiv. Allerdings gibt es hierzu keine Studien: Wie sich das Gewebe und die Scheidenmuskulatur nach der Geburt zurückbildet, ist von Frau zu Frau unterschiedlich. Manche sprechen von besserem Sex nach der Schwangerschaft, andere hingegen berichten von Schmerzen beim Geschlechtsverkehr. Mit Beckenbodentraining kann man solchen Beschwerden entgegenwirken und die Scheidenmuskulatur wieder in die alte Form bringen. 

Mythos 3: Kaiserschnitt schadet der Mutter-Kind-Bindung

Studien zeigen, dass sich nach dem Kaiserschnitt weniger Oxytocin - ein Hormon, welches das Bindungsverhalten zwischen Kind und Mutter fördern soll - im Blut befindet. Nachdem das Kind aus der Gebärmutter geholt wird, werden Baby und Mutter getrennt versorgt: Sie lernen einander erst später kennen, die ersten wichtigen Glücksmomente nach der Geburt  fehlen.Auch das Risiko, nach der Geburt an einer Wochenbettdepression zu erkranken, soll nach einer Kaiserschnittentbindung höher sein.

Mythos 4: Höheres Diabetes-Risiko für das Kind

Per Kaiserschnitt entbundene Kinder haben laut einer Studie ein mehr als doppelt so hohes Diabetes-Risiko wie Kinder, die auf natürliche Art zur Welt gekommen sind. Zu diesem Schluss kommen deutsche Forscher in einer  Langzeitstudie.

Die Wissenschafter der Technischen Universität München hatten den Einfluss von Umweltfaktoren auf die Entwicklung der Erkrankung bei 1.650 Kindern aus Risikofamilien untersucht. Die Studienteilnehmer wurden von Geburt an durchschnittlich elf Jahre lang beobachtet.

Laut der Studie haben Kinder, deren Mutter oder Vater an Typ 1 Diabetes erkrankt ist und die per Kaiserschnitt geboren wurden, ein Risiko von 4,8 Prozent, bis zum zwölften Lebensjahr an Diabetes zu erkranken. Dagegen liegt das Risiko von Kindern mit familiärer Vorbelastung, die vaginal entbunden wurden, bei 2,2 Prozent.

Das sagt die Weltgesundheitsorganisation

Entbindungen mithilfe des Kaiserschnitts werden nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu oft ohne echte Notwendigkeit vorgenommen. In solchen Fällen würden Frauen und ihre Babys dem Risiko von Gesundheitsschäden ausgesetzt, ohne dass dies ausreichend medizinisch gerechtfertigt wäre, erklärte die WHO am im April in Genf.

Es sollten die individuellen Bedürfnisse der Patientin und ihres Kindes entscheidend sein und nicht eventuelle vorgegebene Raten, so die WHO. Seit 1985 werde allgemein zehn bis fünfzehn Prozent als "ideale Rate" für Kaiserschnitte angesehen. Zwei Studien mit WHO-Beteiligung zeigten nun, dass bis zu einer Rate von zehn Prozent tatsächlich eine Verbesserung der Allgemeingesundheit von Müttern und Kindern vorliege sowie die Sterberate zurückginge. Darüber hinaus sei allerdings keine signifikante Verbesserung festzustellen.

Die Ergebnisse würden einerseits den Nutzen des Kaiserschnitts bestätigen, erklärte Marleen Temmerman, Expertin für Reproduktionsmedizin der WHO. Wie jeder chirurgische Eingriff berge aber auch ein Kaiserschnitt kurz- und langfristige Risiken. Diesen sollten Mutter und Kind nicht unnötig ausgesetzt werden.

Diesen Artikel teilen:

Posten Sie Ihre Meinung

Kommentare ausblenden
Jetzt Live
Diese Videos könnten Sie auch interessieren
Wiederholen
Jetzt NEU

oe24.TV im Livestream: 24 Stunden News!

Diese Website verwendet Cookies
Cookies dienen der Benutzerführung und der Webanalyse und helfen dabei, die Funktionalität der Website zu verbessern, um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten. Nähere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Impressum