06. November 2018 16:23
Weniger ist mehr
Antibiotika: Was man wissen sollte
Die modernen Arzneimittel sind lebenswichtig, dennoch werden sie oft zu leichtsinnig eingesetzt – mit Folgen. Das sollten Sie wissen:
Antibiotika: Was man wissen sollte
© Getty
Für die moderne Medizin sind sie unverzichtbar: Antibiotika. Vorausgesetzt sie werden richtig angewendet, können sie bakterielle Infektionskrankheiten besonders wirksam heilen. Ihr Wirkprinzip folgt einem von zwei Arten: Entweder hemmen sie das Wachstum von Bakterien oder sie töten diese – indem die Zellwände zerstört werden – ab. Eine unvorteilhafte Nebenwirkung ist, dass ein Antibiotikum meist auch gutartige Bakterien, etwa jene im Darm, angreift. Das führt in vielen Fällen zu Beschwerden des Magen-Darm-Trakts und dadurch zu einer Schwächung des Immunsystems.

Nicht gegen Viren
Trotz ihrer wichtigen Funktion werden Antibiotika oft falsch eingesetzt: Zu lange, zu kurz, zu hohe Dosen oder die prophylaktische Verwendung sind häufige Einnahmefehler. Dazu kommt der Irrglaube, dass Antibiotika eine Art „Allheilmittel“ seien und bei verschiedensten, auch viralen, Erkrankungen wirken. Gegen Viren sind sie jedoch völlig nutzlos und belasten die natürliche Bakterienflora des Körpers vollkommen unnötig. Zwar wird die Verordnung von Antibiotika immer strenger reguliert, dennoch werden sie in der Regel zu häufig eingenommen – und das nicht nur aus eigenen Stücken.

Vom Tier zum Mensch
Neben dem sorglosen Umgang in der ­Humanmedizin trägt auch die Massentierhaltung zu einer Überpräsenz von Antibiotika bei. Werden sie an die Tiere verabreicht, gelangen die Arzneimittel zwangsläufig in den natürlichen Kreislauf und somit in den menschlichen Organismus. So können Resistenzen wachsen und multiresistente Keime hervortreten. (Tipp: Beim Kauf auf ­heimische Qualität setzen, z. B. Bio-Zertifizierung oder AMA-Gütesiegel, da hier strengere Regelungen für den Antibiotika-Einsatz gelten.)

Lebensbedrohliche Resistenzen
Prinzipiell ist es ein natürlicher Prozess, dass sich Bakterien anpassen und Resistenzen bilden. Allerdings wird diese Resistenzbildung durch den übermäßigen Gebrauch massiv beschleunigt und zu ­einer großen Bedrohung für die Gesundheit: Erkrankungen mit bakterieller Ursache werden dadurch schlechter oder nicht behandelbar und somit lebensbedrohlich. Weltweit gehen bereits über eine halbe Million Todesfälle pro Jahr auf multiresistente Bakterien zurück – Tendenz steigend. Ein verantwortungsbewusster Umgang mit Antibiotika ist daher absolut ­notwendig.
 
Wissenswertes rund um Antibiotika:
Wirkweise 
Gezielt Antibiotika sind gezielt wirkende Medikamente, die ausnahmslos gegen Bakterien gerichtet sind. Sie funktionieren auf einer von zwei Ebenen: Sie töten vorhandene Bakterien ab oder hemmen deren Wachstum. Dies geschieht einerseits durch Zerstörung der Zellwände der Bakterien, sodass sich diese auflösen, und andererseits mittels Eingreifens in den Stoffwechsel, wodurch ein Weiterwachsen der Bakterien effektiv unterbunden wird.
 
Arten von Antibiotika 
Unterschiede Um Antibiotika differenzieren zu können, stellt sich die Frage, gegen ­welche Bakterien sie gerichtet werden sollen. Die Medizin unterscheidet neben gramvariablen und unbestimmten Arten die zwei Hauptgruppen „grampositiv“ und „gramnegativ“. Der Unterschied liegt hier im Aufbau der Zellwand. Vereinfacht gesagt, muss ­geklärt werden, ob sich die Antibiotika gegen Keime, die in der Luft vorkommen (z. B. Pneumokokken bei Lungenentzündung), oder gegen Keime, die ohne Sauerstoff auskommen (z. B. im Urogenitaltrakt oder Darm), richten. Prinzipiell werden die meisten Antibiotika oral verabreicht. Von lokaler Anwendung wird, ob des erhöhten Allergierisikos, generell abgeraten.
 
In diesen fällen helfen Antibiotika
Bakterien Antibiotika werden ausschließlich gegen bakterielle Erkrankungen eingesetzt. Häufige Beispiele für bakterielle Infektionen, die einer Antibiotikatherapie bedürfen, sind etwa Lungenentzündung, Divertikulitis (Entzündung der Darmschleimhaut), Meningitis, Harnwegsinfekte oder eine ­akute Nasennebenhöhlenentzündung mit grüner (bakterieller) Sekretbildung.
 
Hier sind sie wirkungslos
Viren Da, wie bereits erwähnt, Antibiotika ausschließlich bei bakteriellen Infekten wirksam sind, helfen sie bei allen Krankheiten, denen keine bakterielle Ursache zugrunde liegt, NICHT. Es ist also ein leider weitverbreiteter Irrglaube, dass sie bei häufigen viralen Infekten, z. B. der oberen Atemwege (Erkältung & Co.), helfen würden. 
 
Grippe ist viral Da die Grippe durch Orthomyxoviren ausgelöst wird, sind Antibiotika zur Bekämpfung auch hier nicht geeignet. Erkranken allerdings immunschwache Personen wie chronisch Kranke oder Senioren an der Grippe, können zur Prävention vor ­sogenannten Superinfektionen (meist eine Lungenentzündung) Antibiotika verabreicht werden. Eine bereits aufgetretene bakterielle Superinfektion ist in jedem Fall mit Antibiotika zu therapieren.
 
Gefahr: Resistenz
Risiko Eine „Resistenz“ bedeutet, dass Mikroorganismen wie z. B. Bakterien in der Lage sind, die Wirkung von antibiotischen Arzneimitteln abzuschwächen oder zu neutralisieren. Hauptrisikofaktor für die Bildung von Resistenzen ist eine falsche und zu häufige Einnahme. Hinzu kommt, dass in der Massentierhaltung Antibiotika zum Einsatz kommen und so in den natürlichen Kreislauf gelangen. (Der Konsument ist durch achtsamen Kauf heimischer Lebensmittel mit Bio- oder AMA-Gütesiegel auf der sicheren Seite.) Die Bakterien setzen sich gegen diese Angriffe zur Wehr und bilden Resistenzen. Eine antibiotikaresistente, bakterielle Erkrankung kann lebensbedrohlich werden.