Leben

Studie

Sozial Benachteiligte leben zwei Jahre kürzer

Sozioökonomischer Status ähnlich wichtiger Risikofaktor wie Bewegungsmangel oder Rauchen.

Schlechte sozioökonomische Umstände verkürzen die Lebenserwartung, ähnlich wie Bewegungsmangel. Zu diesem Schluss kommt eine internationale Studie mit Schweizer Beteiligung. Die Bekämpfung von Armut solle daher stärker in den Fokus internationaler Gesundheitspolitik rücken, forderten die Studienautoren.

Sozioökonomischer Status als Risikofaktor

Widrige Lebensumstände, wie etwa eine schlechte berufliche Stellung, können das Leben um durchschnittlich 2,1 Jahre verkürzen, berichtete ein internationales Forscherteam mit Beteiligung des Universitätsspitals Lausanne (CHUV) im Fachblatt "The Lancet". Der sozioökonomische Status sei damit ein ähnlich wichtiger Risikofaktor wie Bewegungsmangel oder Rauchen.

Im Zuge des EU-finanzierten Projekts "Lifepath" werteten die Forscher Daten aus 48 Kohortenstudien aus. Diese umfassten mehr als 1,7 Millionen Menschen in der Schweiz, den USA, Großbritannien, Italien, Portugal, Frankreich und Australien, wie das CHUV am Dienstag mitteilte. In diesem Datensatz verglichen die Wissenschafter die Lebensdauer von Personen mit besserem oder schlechterem sozioökonomischem Status - geschätzt anhand ihres Berufs.

Parallel dazu untersuchten sie die Auswirkungen von sechs Risikofaktoren auf die Lebenserwartung, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihrer Agenda zur Bekämpfung nicht-übertragbarer Krankheiten auflistet: Rauchen, Diabetes, Übergewicht, Bluthochdruck, Bewegungsmangel und Alkoholkonsum.

Schlecht bezahlter Job ist ähnlich ungesund wie Bewegungsmangel

Menschen mit einem schlecht bezahlten Job lebten demnach rund zwei Jahre kürzer als beruflich bessergestellte Personen, berichteten die Forschenden. Der Unterschied fiel damit ähnlich aus wie im Vergleich von körperlich aktiven und inaktiven Menschen: Bewegungsmangel verkürzt die Lebenserwartung demnach im Durchschnitt um 2,4 Jahre. Am meisten Lebensjahre kosten Rauchen (4,8) und Diabetes (3,9).

Anders als diese in der Gesundheitspolitik viel diskutierten Risikofaktoren der WHO-Liste sei der gesundheitliche Schaden durch widrige Lebensumstände bisher größtenteils ignoriert worden, bemängelten die Studienautoren.

"Angesichts der enormen Auswirkungen des sozioökonomischen Status auf die Gesundheit ist es wichtig, dass Regierungen diesen als zentralen Risikofaktor anerkennen und ihn nicht länger aus der Gesundheitspolitik ausklammern", wurde Haupt-Studienautorin Silvia Stringhini in der Pressemitteilung des CHUV zitiert.

Zentrale Maßnahmen werden gefordert

Armut zu vermindern, Bildung zu fördern und ein sicheres Umfeld zuhause, in der Schule und am Arbeitsplatz zu schaffen seien zentrale Maßnahmen, um die Folgen widriger Lebensumstände zu bekämpfen, so Stringhini weiter.

Mit etwas Vorsicht sind die Studienresultate dennoch zu betrachten: Die letzte bekannte berufliche Stellung der Studienteilnehmenden als Indikator ihrer sozioökonomischen Lebensumstände zu nutzen, sei in derlei Studien zwar üblich. Es sei aber eine stark vereinfachte Sicht auf den sozioökonomischen Status, räumten die Forschenden gemäß einer Mitteilung des Fachjournals ein. Außerdem sei es schwierig, diesen von anderen Risikofaktoren komplett zu trennen.

Die sozioökonomische Stellung sei aber wichtig als ein umfassendes Maß für den lebenslangen Einfluss gesundheitsschädlicher Verhaltensweisen und Umwelteinflüsse, betonte Lifepath-Projektleiter Paolo Vineis vom Imperial College London. Das gehe über die üblicherweise in der Gesundheitspolitik diskutierten Risikofaktoren hinaus und müsse daher parallel zu diesen angepackt werden.