Kortisontherapie bei Covid19: Noch viele Fragen offen

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Kortisontherapie bei Covid19: Noch viele Fragen offen

Die aus einer britischen Studie stammenden Daten zu einem positiven Effekt des Uralt-Entzündungshemmers Dexamethason bei Patienten mit schweren Covid-19-Erkrankungen sollten mit Vorsicht diskutiert werden. "Kortison setzen wir in der Intensivmedizin seit Jahrzehnten ein", sagte Walter Hasibeder, zukünftiger Präsident der österreichischen Intensivmedizin-Fachgesellschaft (ÖGARI), am Mittwoch. Laut den ersten Angaben eines Wissenschafterteams um Peter Horby von der Universität Oxford - die Studie ist noch nicht in einem wissenschaftlichen Journal nach Begutachtung veröffentlicht worden - wurden in einem "Arm" der Untersuchung 2.104 Covid-19-Patienten zehn Tage lang einmal täglich mit sechs Milligramm Dexamethason oder Placebo behandelt. In der Placebogruppe war die 28-Tage-Sterblichkeit hoch. Von den Patienten, die mechanisch beatmet wurden, starben 41 Prozent. Unter den Patienten mit einer nicht-invasiven Sauerstoffbehandlung betrug die Sterblichkeit 25 Prozent und bei den Patienten ohne Atemintervention 13 Prozent, berichtete die deutsche Ärztezeitung.

Die Behandlung mit Dexamethason reduzierte demnach die 28-Tage-Sterblichkeit der mechanisch beatmeten Patienten um 35 Prozent. In der zweiten Gruppe der mit Sauerstoff therapierten Patienten sank die 28-Tage-Mortalität um 20 Prozent. Bei den Patienten, die keine Unterstützung der Atmung benötigten, erzielte Dexamethason keine Wirkung. "Das wäre eine niedrig dosierte Kortisontherapie", erklärte Hasibeder. An sich sei damit ein derart großer Effekt mit dem Medikament unter dieser Dosierung eher nicht zu erwarten. "Diese Steroidtherapie bei verschiedenen sehr schweren Infektionen wurde immer wieder versucht", sagte Hasibeder. Längst nicht immer seien damit Erfolge erzielt worden. Man habe diese Strategie auch immer wieder verlassen.

Dexamethason hat keinen Effekt gegen SARS-CoV-2. Bei Intensivpatienten mit schwerem Lungenversagen erhofft man sich - plausibel - eine Dämpfung einer überbordenden Entzündungsreaktion, wie sie beispielsweise auch im Rahmen eines septischen Schocks auftritt. Hier könne die Gabe von Kortison einen positiven Effekt haben, sagte Hasibeder. Die Wirkung dürfte aber auch in diesen Fällen quasi über einen Umweg zum Tragen kommen. Zur Aufrechterhaltung des Blutdrucks bekommen diese Patienten oft hoch dosiert Adrenalin-artige Medikamente. Kortison kann hier einem Wirkungsverlust dieser Arzneimittel gegensteuern helfen.

"Zweischneidiges Schwert"

Für einen Hype sollten die vorläufigen Studienergebnisse jedenfalls nicht sorgen. Kortison in höherer Dosierung dämpft auch die Immunabwehr. "Das ist ein zweischneidiges Schwert", sagte Hasibeder. Kortisone sind jedenfalls Uralt-Medikamente, die täglich millionenfach zur Behandlung von Entzündungen verwendet werde und kostenmäßig sehr günstig sind. Tedros Adhanom Ghebreyesus, Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), hatte die Ergebnisse hingegen als "großartige Neuigkeiten" bezeichnet. Endlich sei ein Mittel gefunden, das die Sterblichkeit von Covid-19-Patienten verringere.

Auch international äußerten sich Experten bisher sehr vorsichtig zu den neuen Daten. Wichtig sei unter anderem, die Nebenwirkungen noch weiter aus den Daten herauszuarbeiten, erklärte der deutsche Infektiologe Jörg-Janne Vehreschild. Zu prüfen sei auch, ob die beiden Patientengruppen - Dexamethason-Gruppe und Vergleichsgruppe - wirklich vergleichbar waren, erklärte der Pneumologe Tobias Welte von der Medizinischen Hochschule Hannover. "Bevor man das vollständige, durch unabhängige Gutachter beurteilte Manuskript gesehen hat, kann man die Wertigkeit der Studie nicht beurteilen."

Zu bedenken sei bei den Ergebnissen zudem, dass Dexamethason die Immunantwort gegen das Virus bremst und so dazu führen könnte, dass das Virus langsamer eliminiert wird, ergänzte Bernd Salzberger, Bereichsleiter Infektiologie am Universitätsklinikum Regensburg und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie. Laut Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin am München Klinik Schwabing, Clemens Wendtner, muss geprüft werden, inwieweit der Mehrwert von Steroiden wie Dexamethason hinsichtlich der Sterberate mit schweren Infektionen anderer Art - sogenannten Superinfektionen - erkauft werden muss.

Impfstoff als Hoffnungsträger Nr.1

Spannend werde sein, ob andere Interventionen gegen ein überschießendes Immunsystem wie der Einsatz von teuren Interleukin-1- oder Interleukin-6-Rezeptor-Blockern vergleichbare Effekte haben, erklärte Wendtner weiter. "Angesichts des insgesamt nur kleinen, wenn auch signifikanten Herabsetzens der Sterblichkeitsrate durch Steroide bleibt die beste Medizin die Verhinderung der Covid-19-Erkrankung durch einen effizienten Impfstoff." 

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