Grippe: Wie gefährdet bin ich?

Prävention als bester Gesundscheitsschutz

Grippe: Wie gefährdet bin ich?

Warum uns die Influenza jedes Jahr im Winter besucht und wer sich besonders vor ihr in Acht nehmen sollte, verrät uns ­Primarius Dr. Christoph Wenisch im großen Interview.

Vorsicht ist nicht nur die Mutter der sprichwörtlichen Porzellankiste. Sie ist auch ein Grundsatz für jeden gesundheitsbewusst lebenden Menschen. Genauso wie wir unsere Autos spätestens jetzt mit der richtigen Bereifung winterfest und der veränderten Witterungsverhältnisse entsprechend sicherer machen, so sollten wir unseren Organismus jetzt vor Gefahren schützen. Die Grippe ist ein solches saisonales Ungetüm der Jahreszeit.

Optimales Grippe-Klima

Kurz nach Weihnachten, in den ersten Wochen des neuen Jahres, legt sie typischerweise los: die Grippewelle. Gerade dann, wenn die Schüler und Schülerinnen sich wieder in den Klassenzimmern versammeln und ins neue Semester starten, meldet sie sich lautstark zu Wort. Ein Grund: Auch die Grippeviren drücken die Schulbank. Sie fühlen sich hier, wo viele junge Wirte auf engem Raum den Tag verbringen, besonders wohl. „Kinder tragen eine viel höhere Virenlast in sich als Erwachsene“, verrät Univ.-Doz. Dr. Wenisch, Facharzt für Innere Medizin und Infektiologie, im Interview (s. S. 17). Ihr Vorteil: Sie haben ein sehr gutes, Erwachsenen meist weit überlegenes Immunsystem. Das Problem: Sie behalten die Viren nicht für sich. Aufgrund ihres Sozialverhaltens, den häufigen Kontakt untereinander und die Nähe zu vielen anderen, nehmen sie diese Erregerlast mit nach Hause. Dort lauern die hochansteckenden (Erkältungs- und) Grippeviren dann auf Geschwister, Eltern und andere Angehörige wie Oma und Opa. Es reicht eine Berührung, ein Begrüßungskuss – denn die Influenza wird blitzschnell übertragen: Werden etwa infizierte Oberflächen oder Gegenstände berührt, so kann eine „Schmierinfektion“ zustande kommen. Es muss also nicht einmal direkter Kontakt stattfinden. Ähnlich verhält es sich bei der „Tröpfcheninfektion“: Winzige infizierte Sekretpartikel, die über die Atemluft ausgestoßen werden, sorgen für eine Infektion. Ein Huststoß, ein Niesen und selbstverständlich ein Kuss auf die Wange enthalten unzählige dieser Partikel, die die Viren rasch und unkompliziert von Wirt zu Wirt transportieren. Dazu kommt, dass auch die Raumluft mitspielt: Beheizen wir die Räume, in denen wir uns aufhalten, so trocknen wir die Luft aus. Zusätzlich halten uns die Temperaturen davon ab, die Fenster zu öffnen und so feuchte und frische Luft hineinzulassen. Durch diese klimatischen Bedingungen ist es für Krankheitserreger aller Art, darunter Grippeviren, ein Leichtes, sich zu vermehren und die Raumluft anzureichern.

Impfung senkt Risiko
Jeder von uns kommt zwangsläufig mit Viren in Kontakt – es gibt praktisch kein Entkommen. Der effektivste Schutz gegen die Grippe ist daher die Impfung. Die Empfehlung laut Österreichischem Impfplan sieht die jährliche Grippe-Impfung für alle vor, die sich und andere schützen möchten. „Sogar jene Menschen, die an einer Hühnerei(-weiß)-Allergie leiden, können sich nun impfen lassen“, so Dr. Wenisch. Möglich macht dies ein neuer, erst seit diesem Jahr erhältlicher Impfstoff ohne Hühnereiweiß. Die Grippe-Impfung muss jährlich erneuert werden, da nur so gewährleistet werden kann, dass der bestmögliche Schutz besteht: Influenzaviren verändern sich und treten in unterschiedlicher Prominenz auf – deshalb müssen die Impfstoffe jedes Jahr neu formuliert und verabreicht werden. Auch eine zeitgerechte Impfung ist entscheidend, da die Immunisierung nicht sofort geschieht. Bereits im Oktober sind die Impfstoffe für die kommende Saison erhältlich, spätestens bis Mitte Dezember sollten sie verabreicht werden. Da die Schutzwirkung nach einigen Monaten nachlassen kann, die Influenza-Aktivität aber meist bis in den März hoch ist, ist es unter Umständen sinnvoll, die Impfung erst im November vornehmen zu lassen. Die aktuell fünf zugelassenen Grippe-Impfstoffe unterscheiden sich nur minimal voneinander und werden in der Formulierung auch nicht mehr verändert, denn: „Schon im Frühjahr wird festgesetzt, welche Viren in den nächsten Impfstoffen enthalten sein sollen“, erklärt Dr. Wenisch. Ein wichtiger Indikator hierfür ist, wie die Grippewelle auf der Südhalbkugel, wo sie schon im Frühsommer einen Höhepunkt erlebt, verläuft. Daran versucht man, eine Prognose für die Nordhalbkugel zu treffen und die Impfstoffe entsprechend zu formulieren. Sofern keine stark mutierenden Virenstämme kursieren, schützt die Impfung in der Regel sehr gut.

Wer muss sich besonders schützen?
Alleine in Österreich sterben jährlich rund 1.200 Menschen an der Grippe und ihren Folgen. Gefährliche Komplikationen treten nicht so selten auf, wie es oft angenommen wird: In rund 10 Prozent der Grippe-Erkrankungen bei Erwachsenen kommen sie vor. Jene mit Vorerkrankungen sollten besonders auf der Hut sein: Bestehen etwa Herzschwäche oder andere Herzerkrankungen oder deren Vorstufen (z. B. Hypertonie), so gilt besondere Vorsicht. Die Grippe ist eine schwere Erkrankung der Atemwege, die auch das Herz stark belastet. Auch Diabetiker, COPD-Patienten sowie Immunschwache (z. B. ältere Menschen) können durch die Impfung entscheidende Vorkehrung treffen.

Prim. Univ.-Doz. Dr. Christoph Wenisch im Talk:

„Gesunde schützen Kranke“

Stimmt es, dass gänzlich gesunde Menschen im Regelfall keine Komplikationen durch eine Grippe-Erkrankung befürchten müssen?
Prim. Wenisch:
Im Regelfall stimmt das, aber leider gibt es viele Ausnahmen. Tatsächlich ist es so, dass auch ein gänzlich gesundes Kind, das ein noch viel besseres Immunsystem hat als ein Erwachsener, an einer Grippe sterben kann. Das sind in Österreich immerhin fünf bis zehn Kinder pro Jahr. Bei Erwachsenen kommen schwere Verläufe häufiger vor: Bei etwa 10 % gibt es Komplikationen, bei einem Teil davon fatale. Und auch hier sind unter anderem Menschen betroffen, bei denen keine einzige Grunderkrankung vorhanden ist, die voll im Leben stehen. Im Kontext der Gesamtbevölkerung gesehen, sind dies natürlich wenige Fälle. Im Einzelfall werden aber völlig gesunde Menschen aus dem Leben gerissen. Bei Grunderkrankungen, Immunschwächen & Co. ist das Risiko deutlich höher.


Wer ist besonders gefährdet und wie kann ich mein Komplikationsrisiko feststellen?
Wenisch:
Das eigene Komplikationsrisiko steigt mit den Grunderkrankungen. Die wesentlichen, die man kennen muss, sind 1. die Herzinsuffizienz und 2. koronare Herzerkrankungen und deren Vorstufen, insbesondere Bluthochdruck. Die Herzinsuffizienz, also die Herzschwäche, ist sehr verbreitet und bleibt häufig lange unerkannt. Sie lässt sich durch einen Herzultraschall und Bluttest feststellen (Ein klassisches Symptom ist etwa Atemnot nach Belastung, Anm.). Studien haben gezeigt: Lassen sich Betroffene gegen Grippe impfen, so reduzieren sie ihr Sterberisiko für die folgende Grippesaison um 18 Prozent.


Herz-Kreislauf-Kranke sollten sich also dringend impfen lassen?
Wenisch:
Ja, absolut. Überspitzt formuliert kann man sagen: Die Grippe „beißt“ das Herz. Denn die Grippeviren verursachen zum einen eine Herzmuskelentzündung und zum Zweiten eine Veränderung der Blutplättchen, die deren Gerinnungsbereitschaft steigen lässt. Dadurch kann eine Plaque, also eine Ablagerung im Gefäß, aufbrechen und einen akuten Gefäßverschluss mit Folge Herzinfarkt oder Schlaganfall verursachen. Durch eine Impfung kann ich dieses Risiko deutlich reduzieren.

Welche anderen Personengruppen haben ein ­erhöhtes Komplikationsrisiko?
Wenisch:
Gefährdet sind etwa Diabetiker, auch sie haben ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko. Darüber hinaus kann die Grippe zu gefährlichen Blutzucker-Entgleisungen führen. Auch Asthmatiker sind verstärkt bedroht, denn das Risiko für akute Anfälle steigt. Ebenso sind COPD-Erkrankte gefährdet: Die Influenza kann hier zu schweren Exazerbationen mit Atemnotanfällen führen.


Wer sollte sich, neben den genannten Risikogruppen, noch impfen lassen?
Wenisch:
Jeder, der sich und andere schützen möchte. Eigenverantwortung und eine solidarische Sichtweise sind hier sehr wichtig – denn die Grippe wird nun mal von Mensch zu Mensch übertragen und zwischenmenschlicher Kontakt lässt sich schlicht nicht vermeiden. Heuer gibt es sogar zusätzlich einen Impfstoff, der nicht auf Basis von Hühnereiweiß hergestellt wird, somit muss man auch Hühnereiweiß-Allergikern nicht von einer Impfung abraten. Der Grippe-Impfstoff ist ein Totimpfstoff und als solcher sehr gut verträglich.


Sie sprechen hier von Herdenimmunität?
Wenisch:
Herdenimmunität ist hier zu viel gesagt, das funktioniert bei Grippe (anders als z. B. bei Pocken oder Masern) derzeit nur sehr begrenzt. Aber solidarische Grundsätze kommen hier sehr wohl zum Tragen: Gesunde schützen Kranke, Alte schützen Junge, Junge schützen Alte. Das muss bei der Impfüberlegung mitbedacht werden. Hierzu zählt auch, dass Kinder geimpft werden – denn dadurch können nachweislich die meisten Menschen jeden Alters geschützt werden. Kinder im Kindergarten– und Schulalter tragen eine besonders hohe Viruslast in sich und verbreiten Viren aufgrund ihres Sozialverhaltens besonders schnell. Impfe ich Kinder, schütze ich Kinder aber auch Eltern, Oma und Opa mit. Auch wenn Oma und Opa geimpft sind, ist das entscheidend, denn die Schutzwirkung ist bei Älteren schwächer. Über die Kinderimpfung greift der Schutz, volksgesundheitlich gesehen, besonders gut – das zeigen Studien ganz deutlich.


Lassen Sie sich jedes Jahr impfen?
Wenisch:
Ja, natürlich. Ich sehe jeden Tag aus erster Hand, wie schlecht es Grippe-Erkrankten geht und welche Folgen eintreten können. Berufsbedingt würde ich mich und womöglich auch Patienten oder meine Familie sofort anstecken – das will ich natürlich vermeiden.


Wie gut sind die Impfstoffe an die kommende Saison angepasst?
Wenisch:
So gut, wie es möglich ist. Ganz genau kann man das immer erst nach der Grippesaison beurteilen. An die beiden Influenza-B-Virenstämme sowie für den A/H1N1-Stamm können die Impfstoffe jedes Jahr sehr gut angepasst werden, da diese sich nur wenig verändern. Hier schützt die Impfung optimal. Ein Problem ist es dann, wenn der Subtyp A/H3N2 dominant wird, das passiert im Durchschnitt etwa alle zehn Jahre. Die H3N2-Viren mutieren so schnell, dass die Impfstoffe oft nicht entsprechend formuliert und nicht wirksam sind.


Das heißt, in einem solchen H3N2-Fall kann die Impfung auch nichts abschwächen?
Wenisch:
Nein, leider nicht. Ist der Virus im Impfstoff nicht enthalten, so kann die Impfung auch nicht schützen. Zusätzlich ergibt sich, durch die Infektion mit anderen respiratorischen Viren, auch der Irrglaube von der „Unwirksamkeit der Grippe-Impfung“: Es gibt Hunderte andere Viren (z. B. Rhino-, Adeno-, Parainfluenzaviren) und Bakterien, die zeitgleich mit der Grippe zirkulieren und oft sogar ähnliche Erkrankungen auslösen. Deshalb denken viele, die Impfung hätte nichts genutzt, weil sie ja trotzdem krank geworden sind. Doch meist war es schlicht ein anderer Virus, an dem sie erkrankt sind. Das kann man mittlerweile auch gut beweisen: Wir können konkrete Virentypen im Körper ausfindig machen und benennen.