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Die neuen Covid-Pillen

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Der beste Schutz gegen einen schweren Verlauf ist die Impfung, betonen die Mediziner:innen. Doch welche Rolle spielen die neuen Coronapillen in der jetzigen Phase der Pandemie, was können sie und für wen eignen sie sich? 

Die Zahl der Neuinfektionen wird durch die Omikron-­Variante des Coronavirus in die Höhe getrieben. In den Kliniken des Wiener Gesundheitsverbundes sei man aber auf einen Anstieg an Spitalsaufnahmen vorbereitet, so Intensivmediziner Prim. Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour, FERS aus der Klinik Floridsdorf. Außerdem eröffnen sich mit der Zulassung der Corona-Medikamente Molnupiravir von Merck & Co (MSD) sowie Nirmatrelvir/Ri­tonavir von Pfizer neue medizinische Möglichkeiten.
Im gesund&fit-Experteninterview verrät Prim. Valipour die wichtigsten Fakten über die oral anwendbaren Therapeutika.

Wie wirken die Corona-Medikamente und wo werden sie eingesetzt?
Prim. Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour, FERS
: Die beiden Hoffnungsträger Molnupiravir und die Kombinationstherapie Nirmatrelvir/Ritonavir sind antivirale Mittel (Anm.: siehe auch Infobox re.). Molnupiravir wirkt, indem es Sars-CoV-2-infizierten Zellen während der Vermehrungsphase falsche RNA-Abschnitte in das Virus einbaut und so zum Abbruch der Replikation führt. Es kommt bei uns zunächst unter speziellen Auflagen im Rahmen eines sogenannten „Compassionate Use Programms“ für die Verwendung außerhalb von Krankenhäusern zum Einsatz, mit dem Ziel, das Risiko für schwere Verläufe bei nicht ­hospitalisierten Covid-19-Patient:innen zu senken. Das Pfizer-Medikament hemmt ein wichtiges Enzym, das die Reifung sowie Infektiosität von Sars-CoV-2 unterdrückt. Es reduziert wirksam das Risiko von schweren Verläufen wie bei Molnupiravir.


Für wen sind die Therapeutika nicht geeignet?
Prim. Valipour:
Diese Präparate dürfen nicht bei Schwangeren und Kindern bis zum 18. Lebensjahr eingesetzt werden.

Wie lang dauert die Therapie mit den Coronamedikamenten?
Prim. Valipour:
Der richtige Zeitpunkt der Gabe dieser beiden antiviralen Medikamente ist für die Wirksamkeit sehr entscheidend. Die Therapie sollte idealerweise binnen 72 Stunden nach Einsetzen der ersten Covid-19-Symptome erfolgen und fünf Tage lang eingenommen werden. Die Notwendigkeit einer frühen Verabreichung bei Hochrisikogruppen kann aber im klinischen Alltag mitunter eine logistische Herausforderung darstellen.

Betrachten Sie die beiden Coronapillen als „Gamechanger“?
Prim. Valipour:
Beide Medikamente werden wichtige Bausteine im Management von Covid-19 sein und unsere Therapieoptionen erweitern. Ein wesentlicher Aspekt ist auch, dass Patient:innen, die mit diesen Medikamenten behandelt werden, binnen kurzer Zeit weniger Viren an ihre Umgebung weitergeben. Der wichtigste „Gamechanger“ in der Bekämpfung der Pandemie ist und bleibt jedoch die Impfung.

Sind die Therapeutika auch gegen die Omikron-Variante wirksam?
Prim. Valipour:
Ja. Es gibt bereits wissenschaftliche Belege für eine Wirksamkeit gegen Omikron und andere Varianten. Die Wirkmechanismen dieser beiden Präparate sind unabhängig von den Mutationen, die das Virus verändern.

Was mache ich, wenn bei mir eine Corona-Infektion durch einen positiven PCR-Test nachgewiesen wurde?
Prim. Valipour:
Der Nachweis eines positiven PCR-Tests alleine ist noch nicht gleichzusetzen mit einer Krankheit. Erst wenn typische Beschwerden, wie Fieber, Husten, Rachenschmerzen, Kopfschmerzen, Müdigkeit und/oder andere Symptome der Infektion auftreten, sprechen wir von einer Covid-19-Erkrankung. Erfreulicherweise zeigt die klinische Praxis, dass die meisten Erkrankungsfälle mit Omikron verhältnismäßig milder ablaufen als bei der Delta-Variante. Nach wenigen Tagen und durch herkömmliche Therapien (Anm.: ausreichende Flüssigkeitszufuhr, fiebersenkende Maßnahmen, Schmerzmittel, Ruhe) ist Covid-19 als Krankheitsbild meistens vorbei. Bei einzelnen Betroffenen – das betrifft Ungeimpfte deutlich öfters als Geimpfte – kann jedoch selbst dieser „milde Verlauf“ sehr belastend sein und mit wochenlangen Beschwerden einhergehen. Dies bedarf dann einer weiterführenden Abklärung bei Hausärzt:innen bzw. Spezialisten. Sollten im Falle einer Erkrankung auch Beschwerden wie Kurzatmigkeit, anhaltende Inappetenz, übermäßige Schläfrigkeit und/oder unkontrollierbares Fieber hinzukommen, sollte man ärztliche Hilfe einholen. Dies kann z. B. zunächst telefonisch mit den Hausärzt:innen erfolgen, fakultativ auch durch die Gesundheitsnummer 1450, den Ärztefunkdienst oder Rettungsdienst eingefordert werden. Wichtig wäre noch zu erwähnen, dass selbst von asymptomatischen Personen eine Infektiosität (Anm.: Ansteckungsgefahr) ausgeht, die durchaus einige Tage anhalten kann. Daher ist eine Isolation gemäß den Vorgaben unabdingbar. Bei Geimpften ist die Viruslast jedoch meist deutlich geringer als bei Ungeimpften. Eine Entisolierung ist daher auch oftmals bereits nach fünf Tagen möglich, vorausgesetzt, der PCR-Test ist negativ bzw. weist einen CT-Wert über 30 auf. Die geringere Viruslast bedeutet auch, dass vollständig Geimpfte (Anm.: 3 Dosen) die Infektion seltener weitergeben als Ungeimpfte.

Welche Covid-Patient:innen sind spitals­pflichtig?
Prim. Valipour:
Betagte Menschen, jene mit vielen Begleiterkrankungen und vor allem Ungeimpfte haben ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf mit der Notwendigkeit einer Behandlung im Krankenhaus. Obwohl ungeimpfte Personen als Minderheit in der Bevölkerung betrachtet werden können, stellen sie die Mehrheit der wegen Covid-19 im Krankenhaus behandelten Fälle dar. Auf der Intensivstation ist das Bild noch viel eindrücklicher: Ein Lungenversagen durch Covid-19 bei einer vollständig geimpften Person ist eine Rarität.     

Prim. Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour, FERS Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Intensivmedizin; Vorstand der Abteilung für Innere Medizin und Pneumologie an der Klinik Floridsdorf und Vorstand des Karl-Landsteiner-Instituts für Lungenforschung und Pneumologische Onkologie  

❯❯ Die Corona-Medikamente 

✏ Molnupiravir
Die Wirksamkeit zeigte sich in klinischen Studien bei Personen mit milder bis mittelschwerer Covid-19-Erkrankung, die mind. einen Risikofaktor für schwere Verläufe aufwiesen: z. B. Alter über 60 Jahre, Vorliegen einer Krebs- od. Nierenerkrankung,
einer COPD, Adipositas od. Herzkreislauferkrankungen.

✏ Nirmatrelvir/Ritonavir

Nirmatrelvir hemmt ein wichtiges Enzym, das die Reifung und Infektiosität von Sars-CoV-2 unterdrückt. Die zusätzliche Substanz Ritonavir soll den Abbau von Nirmatrelvir verzögern und somit die Wirksamkeit
verstärken. Anhand der bisher vorliegenden Daten konnte eine sehr wirksame Risikoreduktion von schweren Verläufen beobachtet werden. Das Einsatzgebiet ist ähnlich zu Molnupiravir.  
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