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Neues Krankheitsbild

Das Leben mit Long Covid

Immer deutlicher zeigen sich die zahlreichen gesundheitlichen Langzeitfolgen, die die Corona-Pandemie mit sich bringt. Eine solche Folge ist „Long Covid“. Was wir über Ursachen und Verlauf wissen.  

Vieles ist neu, seit die Pandemie vor rund einem Jahr in Europa Einzug gehalten hat. Ob Tragen von Mund-Nasen-Schutz, Arbeiten von zu Hause oder das Einschränken persönlicher Kontakte: Wir mussten uns an neue, der Krankheitsprävention dienliche Gegebenheiten gewöhnen. Eine solche Neuheit ist auch „Long Covid“. Unter diesem Namen werden eine Vielzahl unterschiedlicher Krankheitsbilder zusammengefasst, die sich nach einer Covid-19-Erkrankung zeigen. Long Covid gibt der Medizin noch viele Rätsel auf und stellt Betroffene vor große Herausforderungen.

Rund 10 Prozent mit Long Covid
Unabhängig davon, wie leicht oder schwer die Infektion mit dem Virus SARS-CoV-2 verläuft, können die Spätfolgen noch Monate nach der eigentlichen Genesung spürbar sein. Als „genesen“ fühlen sich Long-Covid-Betroffene nämlich ganz und gar nicht: anhaltende Kurzatmigkeit, Husten und andere Beschwerden des Atemtrakts, Leistungseinbußen, neurologische Probleme und ausgeprägte Erschöpfung sind nur ein Teil der mögichen Symptome. Die Erschöpfung kann so ausgeprägt sein, dass der gewohnte Alltag kaum zu bewältigen ist. Dazu kommt oftmals Geruchs- und/oder Geschmacksverlust, der die Lebensqualität beeinträchtigen kann und anfällig für bestimmte Gefahren im Alltag macht (z. B. verdorbene Lebensmittel, Rauch, Gas). Rund zehn Prozent, so die aktuellen Schätzungen, leiden nach einer Coronavirus-Infektion an belastenden bis stark einschränkenden Spätfolgen. Viele von ihnen benötigen ärztliche Behandlung, Physiotherapie und Psychotherapie – eine enorme Herausforderung für das Gesundheitssystem, denn: Bei bisher rund 600.000 nachgewiesenen Infektionen würde das 60.000 Long-Covid-Patientinnen und -Patienten bedeuten. Wie hoch der Bedarf an Betreuung schon jetzt ist, weiß die Leiterin der ersten Long-Covid-Ambulanz am Wiener AKH, Univ.-Prof. Dr. Mariann Pavone-Gyöngyösi: „Ursprünglich haben wir geplant, fünf Patienten pro Woche zu behandeln. Die bisherige Anzahl der behandelten Patienten ist aber fast dreimal so hoch, weil der Bedarf so groß ist“, schilderte die Medizinerin kürzlich im Ö1-Interview. Sie und andere Expertinnen und Experten fordern einen dringenden Ausbau des Ambulanznetzwerks.

Woher kommt die Erkrankung?
Covid-19 ist eine Erkrankung des gesamten Gefäß- und Immunsystems. Dadurch können überall im Körper Beschwerden zurückbleiben oder auch neue auftreten. Experten gehen derzeit unter anderem von einer Überaktivität des Immunsystems als Ursache für Long Covid aus. Dass manche Betrof­fenen von einer Besserung nach ihrer Corona-Impfung berichteten, würde ebenfalls für einen Zusammenhang mit einem autoimmunen Prozess sprechen, sagte kürzlich Dr. Peter Cerkl, Primarius der Pulmologie am LKH Hohenems gegenüber der APA. Daher sei laut aktuellem Wissensstand auch für Genesene einige Monate nach der Gesundung eine Impfung jedenfalls anzu­raten. Gefeit ist vor Long Covid leider niemand. Auch jene mit asymptomatischen Infektionen können, mitunter erst Monate später, an stark einschränkenden Langzeitfolgen laborieren.

Formen von Long Covid
„Generell können Langzeitfolgen von Covid-19 in jeder Altersgruppe auftreten“, erklärte der Wiener Neurologe Dr. Michael Stingl im gesund&fit-Interview. Er ist auf das chronische Erschöpfungssyndrom (Chronic Fatigue Syndrome oder „ME/CFS“) spezialisiert und widmet sich als Spezialist im Bereich Autoimmunerkrankungen derzeit auch eingehend Long-Covid-Symptomen. „Zu unterscheiden ist jedoch“, so Stingl weiter, „ob es sich beispielsweise um Betroffene mit sehr schwerem Verlauf, möglicherweise sogar Aufenthalt auf einer Intensivstation, handelt. Hier können die Einschränkungen allein durch die Tatsache entstehen, dass durch die primäre Erkrankung ein starker Schaden eingetreten ist. Weiters ist es wichtig, jene zu unterscheiden, wo Schäden an Lunge oder Herz feststellbar sind. Es gibt aber auch eine große Anzahl an Betroffenen, wo all dies nicht zutrifft, die aber trotzdem anhaltende Probleme haben.“ Dies beträfe eher jüngere Menschen, zwischen 20 und 40 Jahren, darunter deutlich mehr Frauen als Männer.

Der „Fatigue“ auf der Spur
Ein besonders häufiges Symptom von Long Covid ist die anhaltende Erschöpfung, auch „Fatigue“ genannt. Diese kann direkt im Anschluss an eine überstandene SARS-CoV-2-Infektion auftreten oder auch erst einige Zeit später. „Viele bemerken es erst, wenn sie nach mehrwöchigem Krankenstand nach Infektion versuchen, die Arbeitstätigkeit wieder aufzunehmen“, so Stingl. Die genaue Ursache für die ausgeprägte Erschöpfung sei letztendlich noch unklar. Eine autonome Dysfunktion, eine Fehlfunktion des autonomen Nervensystems, sei einer der möglichen Gründe. Einschränkungen der Kreislauf-Regulation, die etwa zu niedrigem Blutdruck führt, könne hier viele Symptome erklären. Eine weitere Hypothese sei laut Dr. Stingl eine Überaktivität des Immunsystems, wo Entzündungsbotenstoffe ursächlich für die Abgeschlagenheit und Müdigkeit sein könnten. Auch eine Überaktivität von Mastzellen (Immunzellen, die Histamin freisetzen, Anm.) könnte viele Beschwerden auslösen.

Langfristige Behandlungsmöglichkeiten und Akzeptanz notwendig
Weltweit ist mit einer enormen Zahl an Long-Covid-Patienten zu rechnen. Neben der Etablierung von adäquater Versorgung und Therapiemöglichkeiten wird auch Akzeptanz entscheidend sein, denn: Langwierige Erkrankungen, wie Long Covid es ist, stellen Betroffene häufig vor erhebliche Schwierigkeiten im privaten wie im beruflichen Alltag. Wichtig ist nicht nur, dass die Erstanlaufstellen – meist Hausarzt oder Hausärztin – die Beschwerden ernst nehmen, sondern auch, dass die Erkrankung als solche anerkannt und gesellschaftlich akzeptiert wird.   

❯❯ „Long Covid“ 

Unterschieden werden drei Gruppen von Betroffenen:

1. Organschäden
Jene, die (oft nach schweren
Verläufen) Organschäden entwickeln, oft an Herz und Lunge. Häufige Symptome: Kurzatmigkeit und schlechte Belastbarkeit. Auch diffuse Organschäden im ganzen Körper sind möglich.

2. Psyche
Jene, bei denen eine vorbestehende psychische Erkrankung verstärkt wurde oder eine psychische Erkrankung aufgetreten ist (z. B. Depression).

3. Erschöpfung
Betroffene mit meist mildem Verlauf, auf die keines der oben angeführten Probleme zutrifft, die aber trotzdem anhaltend in ihrer Aktivität eingeschränkt sind. Häufige Symptome: Erschöpfung, Brain Fog (Gehirn­nebel), Schwindel, Kopfschmerz.  

❯❯ Fakten zur Erkrankung 

✏ Sehr hohe Fallzahl
Aktuellen Schätzungen zufolge leiden rund 10 Prozent nach einer Coronavirus-Infektion an Spätfolgen. Diese sind sehr vielfältig ausgeprägt und von unterschiedlicher Dauer.

✏ Wer ist betroffen?
Ob schwerer Verlauf, mild oder gar asymptomatisch: Niemand ist nach einer Infektion vor Long Covid gefeit. Junge Menschen mit mildem Verlauf etwa klagen besonders häufig über anhaltende, belastende Erschöpfung, die einen normalen Alltag unmöglich werden lassen.

✏ Hilfe & Information
Die Versorgung von Long-Covid-Patientinnen und -Patienten ist noch am Anfang. Erste Hilfe und Wegweiser können Selbsthilfegruppen wie z. B. die Plattform longcovidaustria.at bieten.   

Impfung gegen „Long Covid“? 

Es mehren sich Berichte, denenzufolge manche Patientinnen und Patienten mit Long Covid von einer Besserung ihrer Symptome nach dem Erhalt der Covid-19-Impfung berichten. Wissenschaftlich fundierte Studien gibt es dazu bisher allerdings nicht. Laut Neurologe

Dr. Michael Stingl gebe es bereits unterschiedliche Theorien dazu, warum die Impfung helfen könnte. Etwa sei es möglich, dass die Impfung die Immunantwort des Körpers verstärkt und eventuell zurückgebliebene Viren bzw. Virusreste so besser eliminiert werden können bzw. dass Autoimmunität verursachende Zellen „abgelenkt“ werden
können. „Man kann leider noch nicht sagen, wie oft das passiert und wie lange der Effekt anhält“, so Stingl.

Auch der Pulmuloge Dr. Peter Cerkl meinte gegenüber der APA, dass eine Besserung nach der Impfung für einen Zusammenhang mit einem autoimmunen Prozess sprechen könne. Allerdings seien hier noch sehr viele Fragen offen.