Corona

Gut geschützt?

Bin ich immun gegen Corona?

Die Messung der Corona- Antikörper ist en vogue. Ist der Wert niedrig, ist die Verunsicherung groß. Der Virologe klärt auf:  

Wer bereits gegen Corona geimpft ist, der denkt gerne in Zahlen: Nach drei Wochen ist man von der Testpflicht befreit. Etwa sechs Wochen nach der Erstimpfung – mit den derzeit hauptsächlich verimpften mRNA-Impfstoffen – geht es zum zweiten Sticherl. Etwa sieben Tage nach Impfung Nr. 2 ist laut BioNTech/Pfizer schließlich die Vollimmunisierung gegeben.

© Prof. Dr. Herwig Kollaritsch
Prof. Dr. Herwig Kollaritsch
× Prof. Dr. Herwig Kollaritsch

Prof. Dr. Herwig Kollaritsch ist Mitglied des nationalen österreichischen Impfgremiums und Autor von mehr als 400 wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema.  

Einige wollen es nach dieser Wartezeit besonders genau wissen und lassen mittels Labortest (Anm.: ELISA-Test, Neutralisationstest) die Anzahl und Aktivität der sogenannten neutralisierenden Corona-Antikörper im Blut messen. Und hier kommt es häufig zu großen Verunsicherungen – das belegen die zahlreichen Leserbriefe, die die Redaktion zum Thema erreichten. Oftmals ist die Aktivität der schützenden Antikörper lediglich „grenzwertig“ oder „schwach positiv“. Was diese Befunde für den Einzelnen bedeuten, fragten wir den anerkannten Virologen, Impfexperten sowie Autor des neuen Ratgebers „Pro & Contra: Corona-Impfung“ (s. u.) Prof. Dr. Herwig Kollaritsch.

Wie die Abwehr arbeitet

Die Immunabwehr ist ein hochkomplexes Wunderwerk. Die Frage, ob sich ein Erkrankungsschutz überhaupt mit einem einzelnen Wert feststellen lässt, beantwortet Prof. Kollaritsch daher mit Nein. „Die Immunität nach Covid-Impfungen“, so das Mitglied des nationalen Impfgremiums, „wird sowohl durch die Ausbildung von Antikörpern als auch spezifischer Komponenten der sogenannten zellulären Abwehr bestimmt.“ Zur Erklärung: Antikörper sind Teil der Humoralen Immunantwort. Sie verhindern das Eindringen der Viren in die Zelle. Auf einer weiteren Front arbeitet die zelluläre Immunantwort mit Hilfe von T-Lymphozyten. Diese gehören zu den weißen Blutkörperchen und spüren vom Virus befallene Zellen auf, um sie zu zerstören und so eine weitere Virusausbreitung im Körper zu verhindern. Ein weiterer wesentlicher Unterschied zwischen den beiden „Abwehrsystemen“: Die Konzentration der Antikörper nimmt mit der Zeit ab. Die zelluläre Abwehr hingegen verfügt über (T-)Gedächtniszellen, die erhalten bleiben und sich an das Virus erinnern, sobald der Körper damit in Berührung kommt. Die zelluläre Abwehr lasse sich jedoch nicht mit den üblichen Labormethoden messen. (Anm.: Dafür brauche es einen ­IGRA-Test: Interferon Gamma Release Assays). „Die Antikörperantwort allein zu messen“, so Kollaritsch, „erlaubt daher prinzipiell nur einen teilweisen und nicht repräsentativen Rückschluss auf Immunität, vor allem nicht auf ihre Dauer. Zudem existiert derzeit kein Test, dessen Ergebnis zweifelsfrei eine Immunität widerspiegelt.“

Überhaupt zum Antikörper-Test?

„Eine routinemäßige Impferfolgsprüfung“, so Kollaritsch, „ist daher weder nötig noch sinnvoll, da sie nicht in der Lage ist, den tatsächlichen Grad und die Belastbarkeit einer postvakzinalen Immunität verlässlich wiederzugeben. Ein negatives Resultat der Antikörpertestung hat daher auch keine unmittelbare Konsequenz und auch die Frage, ob eine weitere Impfung sinnvoll/nötig ist, kann ein solcher Befund nicht klären.“ Grundsätzlich gäbe es für Antikörperbestimmungen nach Covid-Impfung nur EINE echte Indikation: „Der begründete Verdacht, dass der Impfling keine ausreichende Immunantwort auszubilden imstande ist. Dies aus welchen Gründen auch immer, wie z. B. Biologikatherapie, Chemotherapie, angeborenen Immundefizienz. Bei Personen mit beeinträchtigter Immunantwort kann eine Testung Aufschluss über die prinzipielle Fähigkeit zur Immunreaktion geben, allerdings nur wiederum mit Hilfe spezieller Methoden der Vorgehensweise.“

Wann brauche ich einen Booster?

Auf die Frage, wann und wem eine weitere Teilimpfung derzeit empfohlen wird, antwortet der Mediziner: „Im Einzelfall kann es Sinn machen, eine dritte Impfung bei negativem Antikörperbefund anzusetzen. Dies sind aber Einzelentscheidungen, für die das Gesamtbild des Patienten in die Entscheidungsfindung mit einbezogen werden muss!“

Zu den sogenannten „Boosterungen“ bzw. Auffrischungen im Allgemeinen gäbe es generell noch einige offene Grundfragen: „Im Moment haben wir noch keine schlüssigen Daten zur definitiven Schutzdauer nach Covid-Impfungen. Wir wissen noch nichts über eventuelle gruppenspezifische Schwankungen derselben (z. B. Altersgruppen). Unsicherheit besteht auch, ob eine Anpassung der momentanen Impfstoffe infolge des Auftretens weniger gut durch die Impfantikörper abgedeckter Varianten nötig sein wird.“ International herrsche kein administrativer Konsens zur Schutzdauer nach Impfung. Kollaritsch: „Es ist unklar, wie lange ein Impfzertifikat im Reiseverkehr Gültigkeit haben wird. Nach gegenwärtigem Stand sind sechs Monate aber die Untergrenze für akzeptierte Gültigkeit.“  

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„Pro & Contra: Corona-Impfung“ von Herwig Kollaritsch, Silvia Jelincic. Erschienen bei edition a um 18 Euro.