Familienplanung auf Eis

Eiszeit für Eizellen

Familienplanung auf Eis

Karriere, dann Kind – immer mehr Frauen konservieren ihren Kinderwunsch und lassen ihre Eizellen einfrieren. Eine Baby-Garantie ist „Social Freezing“ – das oft ethisch-moralisch hinterfragt wird – dabei keineswegs. Was Sie darüber wissen sollten und warum es in Österreich verboten ist.

Dr. med. Alexander Just im Talk 1/5

Für wen ist „Social Freezing“ eine willkommene Methode zur Kinderwunscherfüllung? Wer ist prinzipiell geeignet?

Dr. Just:  Generell ist jede Frau dafür geeignet. Was man allerdings berücksichtigen muss, sind die Chancen auf Erfolg. Vor allem für Frauen zwischen 25 und 35 Jahren macht es biologisch am meisten Sinn, ihre Eizellen einfrieren zu lassen – in diesem Alter ist auch die Erfolgsrate am höchsten. Im Alter nimmt die Eizellenqualität ab und damit auch die Chancen auf Erfolg.

Welche sind die Vorteile dieser Methode, welche die etwaigen Nachteile?

Dr. Just: Der wohl größte Nachteil, wenn man es so nennen möchte, ist die Entnahme der Eizellen, wozu die Frau vorerst hormonell behandelt werden muss. Die entnommenen Eizellen werden anschließend eingefroren und gelagert, was aber ethische Fragen aufwirft. Persönlich sehe ich das „Social Freezing“ auch nicht als beste Alternative. Das Problem aber ist, dass Frauen immer später schwanger werden und der Trend somit gute Chancen hat, sich durchzusetzen. Wissenschaftliche Erkenntnisse über langzeitig eingefrorene Eizellen gibt es bis dato nicht. Das Gute: Man vermutet, dass das biologische Alter weitestgehend erhalten bleibt.

Bestehen Risiken für Frau oder Kind?

Dr. Just: Ob Risiken für die Kinder bestehen, lässt sich bislang nicht sagen, da das Thema zu jung ist, um aussagende Daten zu erheben. Für die Frau gleicht das Risiko dem einer künstlichen Befruchtung und fällt
somit sehr gering aus. Bei der hormonellen Stimulation und der Entnahme kann es zu Komplikationen kommen – zu
gleichen wie der IVF.

In Österreich ist die Methode verboten. Inwiefern bilden Sie eine Schnittstelle nach Deutschland?

Dr. Just: Meist denken Kundinnen über diese Methode nach, wenn sie keinen Partner haben. Ich kläre sie dann über das „Social Freezing“ auf und informiere sie über gute Anlaufstellen in Deutschland.

Ist hierzulande eine Gesetzeslockerung in Sicht?

Dr. Just: Ich hätte bei der letzten Gesetzesänderung 2015 bereits damit gerechnet. Aktuelle Gespräche gibt es allerdings keine.

Ein Baby zum perfekten Zeitpunkt?

Druck rausnehmen, mehr Zeit haben und in Ruhe die Karriere angehen. Auf ein Kind wollen die meisten Frauen hierzulande dennoch nicht verzichten, auch wenn die österreichischen Mütter in den letzten Jahren immer älter wurden. Doch mit zunehmendem Alter nimmt die Qualität der Eizellen stetig ab – eine Schwangerschaft stellt ein erhöhtes Risiko für Entwicklungsstörungen oder gar genetische Defekte des Kindes dar. Das ideale Alter, um Mutter zu werden, ist, Statistiken zufolge, Mitte 20. Vielen Frauen fehlt es zu diesem Zeitpunkt der Selbstfindungsphase an Zeit und oft auch noch am richtigen Partner. Deshalb nehmen immer mehr Frauen ihr Schicksal selbst in die Hand, wenn es um Sachen Familienplanung geht. Ein Baby zum perfekten Zeitpunkt? Dank Eizelle aus dem Tiefkühlschrank angeblich kein Problem. „Social Freezing“ nennt sich die umstrittene, in Österreich verbotene Methode. Wir
haben den Reproduktionsexperten Dr. Alexander Just zu diesem Thema befragt.

Fertilität: Die Fakten 1/3
Der Begriff: Als Fruchtbarkeit oder auch Fertilität bezeichnet man die Fähigkeit, Nachkommen zu zeugen. Bei der Befruchtung wird die Eizelle der Frau (nach dem Eisprung sechs bis zwölf Stunden befruchtbar) von der Samenzelle des Mannes befruchtet.
Eizellen: Frauen werden mit rund 1,5 bis zwei Mio. Eizellen geboren. Beim Einsetzen der ersten Menstruation hat sich die Zahl bereits auf einige Hunderttausende verringert. Von Periode zu Periode werden es stetig weniger, obwohl pro Zyklus meist nur eine Eizelle ausreift. Für den Reifeprozess werden monatlich rund 1.500 bis 2.000 Eizellen rekrutiert. Die Eizellenreserve ist von Frau zu Frau individuell und abhängig von:
1. der Genetik: davon, wie groß der Eizellen-Pool ist. Gute Indikatoren sind der AMH-Wert und das Einsetzen der Menopause der Mutter (etc.).
2. vom Lifestyle: unter anderem führt Rauchen zur Verengung der Gefäße, durch Toxine sterben
Eizellen ab.
3. vergangenen Schwangerschaften: Während einer Schwangerschaft reifen keine weiteren
Eizellen heran.
Ist der Eizellenvorrat erstmal aufgebraucht, setzt die Menopause ein. Eine Schwangerschaft ist ab diesem Moment nicht mehr möglich.
Fruchtbare Zeit: Von Beginn der Geschlechtsreife (erste Regelblutung/Menarche) bis zum Einsetzen der Menopause – durchschnittlich im Alter von 12 bis 45 Jahren – können Frauen schwanger werden. Sind vom ürsprünglichen Eizellenvorrat (1,5 bis 2 Mio.) nur noch ein paar Tausend übrig, steht das Ende der fruchtbaren Zeit und das Einsetzen der Menopause kurz bevor. Somit stehen Eizellenmenge und Fertilität im direkten Zusammenhang.

In Österreich nicht erlaubt

Die Eizellen einfrieren, um sie später,  wenn der Zeitpunkt optimal erscheint,  auftauen und befruchten zu lassen, ehe sie wieder in die Gebärmutter reimplantiert werden? Für viele ein umstrittenes Thema, das die ethisch-moralische Frage aufwirft, ob es überhaupt vertretbar ist, derart in den Prozess des Kinderkriegens einzugreifen. Eine Baby-Garantie ist die Schockfrosting-Methode dabei keineswegs: Von zehn Eizellen überleben im Schnitt acht das Auftauen, befruchtet werden davon 60 bis 70 Prozent, wovon es gerademal bei acht bis zehn Prozent zu einer erfolgreichen Einnistung in die Gebärmutter kommt. Hierzulande ist die Kryokonservierung, wie die Methode im medizinischen Fachjargon heißt, nicht erlaubt. Unbefruchtete Eizellen dürfen nur in Ausnahmefällen bei medizinischer Indikation – etwa bei einer Frau, die vor einer Strahlen- oder Chemotherapie steht –, eingefroren werden.
Ursprünglich wurde das Einfrieren von Eizellen genau zu diesem Zwecke entwickelt. Die individuelle Bestimmung der Familienplanung zum gewünschten Zeitpunkt war nicht die Intention.

Alle Fakten zur Kryokonservierung („Social Freezing“): 1/4

Was ist „Social Freezing“?

Allgemeines. Die Fruchtbarkeit einer Frau nimmt ab dem 30. Lebensjahr leicht und ab dem 35. rapide ab. Doch mit Mitte 20 fühlen sich viele Frauen noch nicht bereit für ein Kind – oft steht zu diesem Zeitpunkt die Karriere im Vordergrund. Eine Möglichkeit, die biologische Uhr anzuhalten, bietet das frühzeitige Einfrieren der Eizellen. Die Kyrokonservierung, auch als „Social Freezing“ bekannt, gibt der Frau die Freiheit, die Familienplanung vorerst im wahrsten Sinne des Wortes auf Eis zu legen und den Zeitpunkt der Schwangerschaft später selbst festzulegen – die Eizelle entspricht dann immer noch dem biologischen Alter des Entnahmezeitpunkts. ACHTUNG: In Österreich ist das „Social Freezing“ ob der ethisch-moralischen Richtigkeit nicht erlaubt – mit Ausnahme bestimmter medizinischer Indikationen. Deshalb lassen sich viele Frauen in Nachbarländern behandeln.

Wer ist für Social Freezing geeignet?

In Frage kommen Frauen, die idealerweise unter 30 Jahre jung sind. In diesem Alter ist die Chance am höchsten, dass sich die eingefrorenen Eizellen später zum gewünschten Zeitpunkt tatsächlich auch befruchten lassen. Frauen von über 35 Jahren raten Reproduktionsmediziner vom Social Freezing ab, da ab diesem Zeitpunkt die Qualität der Eizellen stark nachlässt und die Prozedur nur geringe Aussicht auf Erfolg hat. Der
behandelnde Arzt wird anhand bestimmter Kriterien individuell feststellen, ob Sie für eine Kryokonservierung geeignet sind.

Wie funktioniert das Einfrieren?

Schritt für Schritt. Hat sich die Frau für
eine Kryokonservierung entschieden und erfüllt sie die entsprechenden Eignungskriterien, wird sie in der Vorbereitung rund zehn bis 14 Tage mit Hormonen behandelt. Dadurch reifen mehrere Eizellen heran. Anschließend werden die befruchtungsfähigen Eizellen vaginal unter Kurznarkose entnommen. Nach der Entnahme werden die Eizellen im Bruchteil einer Sekunde mit flüssigem Stickstoff schockgefrostet. Diese Methode verhindert die Bildung von Eiskristallen, durch die Zellen zerstört werden können. Die Zellen werden bis zum gewünschten Zeitpunkt bei minus 196 Grad Celsius eingelagert. Bei diesen niedrigen Temperaturen spielt es keine Rolle, ob die Zellen nun fünf oder 15 Jahre lang konserviert werden. Von zehn Zellen überleben im Schnitt acht das Auftauen, wovon die Befruchtungsrate bei 60 bis 70 Prozent liegt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine befruchtete Eizelle in der Gebärmutter einnistet, liegt bei acht bis zehn Prozent. Ob Risiken für das Kind bestehen, ist bis dato nicht geklärt, da Langzeitdaten fehlen. Bei der Frau kann es während der Hormonbehandlung und der Entnahme zu leichten Nebenwirkungen kommen.
Was kostet der Eingriff Individuell. Die Kosten der Entnahme belaufen sich auf 2.000 bis 3.000 Euro. Hinzu kommen die Kosten der Hormonbehandlung, die je nach Dauer und Arzt variieren. Die Lagerung kostet jährlich rund 300 Euro.

Hilfe in Nachbarländern

Da der Eingriff in Österreich verboten ist,
suchen sich viele Frauen in Nachbarländern, deren Gesetzeslage lockerer ist, Hilfe. Hauptanlaufstelle sind deutsche reproduktionsmedizinische Kliniken. Dr. Alexander Just, Reproduktionsmediziner und Gründer des Juno Instituts, bildet hier eine Schnittstelle. Der von ihm entwickelte Juno-Test gibt seinen Patientinnen frühzeitig langfristig Aufschluss über deren Eizellenreserve. Liegt eine Verminderung vor, denkt er gemeinsam mit ihnen über „Social Freezing“ nach, bespricht etwaige Vor- und Nachteile und informiert dann über Anlaufstellen in Deutschland.

Der Weg zum Wunschbaby 1/2
✏ In Vitro Bei der In-vitro-Fertilisation (IVF) findet die Befruchtung außerhalb des Körpers im Labor statt. Kommt es zur Befruchtung, wird die befruchtete Eizelle wieder in die Gebärmutter eingesetzt. Die Erfolgsrate einer Schwangerschaft liegt hier bei rund 35 Prozent pro versuchtem Zyklus.
✏ Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (icsi) Bleibt die IVF ohne Erfolg, kann die Intrazytoplasmatische Spermieninjektion zur Erfüllung des Kinderwunsches führen. Bei diesem
Verfahren wird die Eizelle ebenfalls im Labor befruchtet, die Samenzelle allerdings direkt in die Eizelle injiziert.

Langzeitdaten fehlen

Mit dem Zeitpunkt des Schockfrostens, so vermutet man, wird die biologische Uhr der Zelle angehalten: Lässt sich die Frau die Eizelle zu einem späteren Zeitpunkt reimplantieren, ist sie zwar gealtert, aber die Eizelle entspricht dem biologischen Entnahmealter. Zu bedenken gilt allerdings, dass die Schwangerschaft einer Frau Mitte 20 komplikationsloser verläuft als jene einer Frau jenseits der 40, trotz der jungen Eizelle. Ob es Risiken für die so gezeugten Kinder gibt, ist bislang nicht bekannt – hier fehlt es schlicht an langfristigen validen Daten. Mit
einer Legalisierung des „Social Freezing“ hierzulande ist derzeit nicht zu rechnen.

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