Sonderthema:
Digital Detox lernen

Zeit, „Stopp“ zu sagen!

Digital Detox lernen

Abschalten – bzw. nicht abschalten – können ist das Thema ­unserer  Zeit. Wir sind durch Medien und andere Faktoren immer und überall geistig ­beschäftigt. Das bringt zwar großen Fortschritt für die Gesellschaft, aber auch ­großen Leidensdruck für den Einzelnen, da es uns dadurch immer schwerer zu fallen scheint, einfach „im Moment“ zu sein.

Von Stress bis Burn-out
Die digitale Revolution hat unser ohnehin schon sehr schnelllebiges Leben zusätzlich beschleunigt. Das ist nachweislich ­ungesund. Psychische Belastungsstörungen nehmen mehr und mehr zu, u. a. sind das  Burn-out, Depression, Schlafstörungen etc. Immer mehr Menschen klagen trotz tadelloser Lebensumstände und ­genügend Facebook-Likes über ein tiefes ­Gefühl der Leere. Sie meinen, dass sie das Leben nicht mehr spüren und die Jahre nur so vorbeirasen. Hier ist bereits ein gewisser Leidensdruck vorhanden und in der Gesellschaft spürbar.  
„Das Ziel vieler Apps – sogar Meditations-Apps – und vieler Geräte ist es, uns an sie zu binden, uns abhängig zu machen“, so Psychologe Mag. Sebastian Körber. „Die Währung unsere Zeit ist Aufmerksamkeit. Von dieser gibt es immer weniger im realen Leben und immer mehr in der virtuellen Welt. Welche App am meisten Aufmerksamkeit bekommt, deren Eigentümer werden die (erfolg-)reichsten sein. Deswegen kämpfen alle um jede Sekunde unserer Aufmerksamkeit und am Ende bleibt uns oft nicht genug Aufmerksamkeit für uns selbst und unsere Nächsten.“

„Generation  Smartphone“
Die Millennials sind die ersten Digital Natives, die Generation Y und  sogar X ist mit ihnen in das neue digitale Zeitalter hineingewachsen. Jedoch fehlt es allen noch an Erfahrung und Ausbildung, was einen gesunden und achtsamen Umgang mit Handy und Co. betrifft. Deshalb liegt es an ­jedem Einzelnen von uns, das richtige Maß für Smartphone-, Laptop- oder Tablet-Nutzung zu finden, sodass die Psyche möglichst wenig darunter leidet.

Digital detox lernen

Es ist ein Problem geworden, das inzwischen fast alle von uns betrifft. Die Themen, die eine Gesellschaft beschäftigen, kann man sehr gut daran ablesen, welche Bücher gerade häufig gekauft werden. Im Moment stehen ganz vorne Bücher über Selbstfindung, Entspannung und eben ­Abschalten bzw.  im „Hier und Jetzt“ sein.
Digital Detox geht inzwischen weit über das Bücherregal hinaus, ist schon so weit fortgeschritten, dass es in den USA und anderen Ländern beispielsweise schon extra Digital-Detox-Camps gibt. Auch Hotels bieten explizit ausgeschriebene „Detox Urlaube“ an. In beiden Fällen bezahlen Sie dafür, dass Ihnen jemand Ihr Handy wegnimmt. Das mag im ersten Moment lächerlich erscheinen, doch ist das gar nicht so ohne. „Das Smartphone“, so der Experte und Coach, „löst nämlich bei vielen die gleichen Symptome aus – wie eine Droge. Kleine Dosen Dopamin, das Hormon in unserem Hirn, das ausgeschüttet wird, wenn wir etwas erfolgreich bewältigt haben, werden bei jedem ,ping‘ von WhatsApp ausgelöst. Es gibt uns nämlich das Gefühl, dass wir wichtig sind, da jemand etwas von uns möchte.“ Doch so sehr es uns auch ,hyped‘ und teilweise den Alltag erleichtert, so sehr löst das Handy auch Stress in uns aus und macht uns quasi zum Sklaven desselben. Schließlich ist es auch darauf angelegt, uns das Gefühl der Unentbehrlichkeit zugeben. Dies tut natürlich dem Selbstwert gut, aber dem Abschalten und Entspannung sehr schlecht. Es gilt daher, hart zu sich selbst zu sein und ein dezidiertes aber nicht allzu radikales „Stopp“ zu dem digitalen Medienwahn zu sagen!

Einfacher Selbsttest
Wie mit allen Dingen im Leben kann man sich dabei an den guten alten Paracelsus- Spruch halten. „Die Dosis macht das Gift.“ „Wer mehr als viermal am Tag soziale Medien checkt“, so Körber, „der sollte sich mit dem Detox- Thema definitiv auseinandersetzen. Denn dieses zwanghafte Verhalten ist eine Art Sucht. Genau deshalb löst der Entzug auch Symptome wie bei einem Drogenentzug aus. Ganz einfach können Sie das so ausprobieren, indem sie sich vornehmen, einen Tag nicht aufs Handy zu schauen und es nicht mitzunehmen. Das ist schwieriger als gedacht.“ Und wie jeder Süchtige argumentiert man anfangs, dass man ja nicht abhängig ist, sondern dass man es will und es ohnehin genießt. Jedoch ist es zumeist bereits mehr als nur ein „Ich kann“ – es ist ein „Ich muss“.

Doch warum können wir nicht mehr abschalten? „Neuropsychologisch“, so Körber, „geht es hierbei darum, dass der Teil unseres Gehirns, der für vernünftiges und planvolles Verhalten und Denken zuständig ist, nicht mehr zur Ruhe kommt. Dieser Teil des Gehirns befindet sich im präfrontalen Cortex und der Hirnrinde. Die Entwicklung dieses Teils ist gleichzeitig auch das, was uns zu Homo sapiens macht, also der einzigen Spezies, die bewusst vorausschauend planen und handeln kann. Die Schattenseite dieser Planung ist, dass wir nicht mehr im Moment sein und ihn genießen können, sondern fast nur mehr in der Zukunft leben. Das gilt für den Arbeitsalltag ebenso wie unsere Freizeit. Stets sind wir einen Schritt voraus.“
simple detox regeln

„Digital Entgiftung“ oder „Digital Detox“ nennt sich der Trend zur Entschleunigung. Beginnen Sie am besten damit, das Smartphone mindestens einmal am Tag bewusst für einen gewissen Zeitraum auszuschalten. Das erdet und holt ins Hier und Jetzt. Das kann beim Mittagessen sein, während eines Spaziergangs oder bei der täglichen Meditation. Sie können entscheiden, wann und wie lange. „Anfangs“, so der Psychologe, „werden Sie vielleicht Symptome erleben wie ein Süchtiger auf Entzug, aber nach ein paar Tagen entdecken Sie ein neues Lebensgefühl. Alles, was so unglaublich wichtig erschien, wird plötzlich unwesentlich, inklusive Ihnen selbst vielleicht. Ein befreiendes Gefühl!“ Probieren Sie es gleich aus, die Experten-Tipps  helfen garantiert dabei!
 

8 praktische Detox-Tipps

Sowohl für Detox-Einsteiger als auch geübte „Abschalter“ gibt es leicht umsetzbare Methoden, um sich (etwas) von der Multimedia-Abhängigkeit zu entwöhnen. Psychologe Mag. Sebastian Körber verrät seine wirkungsvollsten Tipps. 

1. Handy bewusst zu Hause lassen

Durchführung: Wählen Sie klug einen Tag, an dem Sie Ihr Handy einen Tag lang nicht mitnehmen. Lassen Sie im Urlaub das Firmen­telefon  zu Hause! Falls Sie Ihre Geschäfte auch auf dem Privathandy durchführen, kaufen Sie sich vor ­Ihrem Urlaub ein Wertkartenhandy (kein Smartphone!) und geben Sie die Nummer nur den Personen, die sie wirklich erreichen sollen im Notfall. Tipp:  keine Ausreden. Früher ging auch alles ohne Smartphone.

2. Seien Sie entbehrlich

Durchführung: Setzen Sie sich damit auseinander, dass auch ohne sofortige Reaktionen Ihrerseits die Welt sich weiterdreht und sich viele Dinge von selbst lösen. Digitale Medien, besonders das Smartphone, geben uns das Gefühl, unentbehrlich zu sein – doch das ist nicht (immer) so! Genießen Sie Ihre Freiheit.  

3. Smartphone nachts auf „off“

Durchführung: Drehen Sie das Handy nachts ab, und damit ist wirklich „aus“ gemeint, nicht der Flugmodus! Je höher die Hemmschwelle ist, schnell noch etwas nachzuschauen, umso besser ist der „Trainingseffekt“. Tipp:  So vermeiden Sie gleichzeitig unnötige Strahlung beim Bett!

4. Laptop zu Hause lassen

Durchführung: Der Laptop bleibt zu Hause, wenn Sie ihn nicht in der Arbeit brauchen bzw. im Zimmer,  wenn Sie im Urlaub sind. Wer geübt ist, sollte den Computer in den Ferien gleich ganz in der Heimat lassen.

5. Mobile Datenüber­tragung deaktivieren

Durchführung: Das Smartphone auf unbestimmte Zeit nur für SMS und Anrufe nutzen und die mobile Datenübertragung und das Internet ausschalten. Anfangs vielleicht ein ungewohntes Gefühl, doch nach ­einiger Zeit durchaus entspannend!

6. You’ve got – no! – Mail

Durchführung: Auch die ständige Erreichbarkeit per E-Mail kann leicht unterbunden werden: Schreiben Sie eine Abwesenheitsnotiz, wo Sie angeben, dass Sie Ihre E-Mails nicht checken. Damit sind Sie sicher und folgen Sie auch selbst Ihrer ­Abwesenheitsnotiz.

7. Social-Media-Apps ade!

Durchführung: Löschen Sie die ­Facebook-App und checken Sie Facebook nur mehr einmal am Tag am Computer, wenn überhaupt. Dazu gehören auch ­andere Social-Media-Apps wie Twitter, Instagram etc. Tipp:  Je schwerer das fällt, desto mehr sieht man, wie abhängig man schon geworden ist. Und umso wichtiger ist es, diese Apps – zumindest für einen ­gewissen Zeitraum – zu meiden!

8. Gewonnene Freiheit nutzen

Durchführung: Beginnen Sie, sich zu strecken und dreimal ganz tief durchzuatmen. Genießen Sie die Freiheit beider Hände. Tipp:  Wenden Sie sich Ihren Liebsten zu und konzentrieren Sie sich darauf, nicht abwesend zu sein, das heißt, an nichts anderes zu denken, als an die Situation selbst.

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