Brauch ich eine Therapie?

Seelen-Hygiene

Brauch ich eine Therapie?

Kennen Sie das auch? Freunde und Familie bieten ihre Hilfe an, doch all die tröstenden Worte scheinen nicht zu nützen – Symptome verschlimmern sich, der Leidensdruck wächst. Wer kann helfen? Der Hausarzt, der Psychiater oder doch eine Psychotherapie? Ab wann und bei welchen Störungsbildern ist eine „Sprechkur“ überhaupt anzuraten? Wir haben Expertin Katrin Lampe zu dem Thema befragt. In gesund & fit verrät Sie uns die vier häufigsten Problembereiche inklusive persönlichen Schnell-Check-Test.

Wie gut es Ihrer Seele geht? Unser Blitzcheck verrät’s! 1/4
Depressionen

Wenn die Gefühlswelt nur noch ein einziges Chaos ist:
 

Diagnose

Eine Depression ist ein psychisches Störungsbild, das sich durch zahlreiche psychische als auch physische Beschwerden äußern kann. Die Mehrheit der Betroffenen hegt früher oder später Suizidgedanken. 10 bis 15 Prozent aller Patienten mit wiederkehrenden schwer ausgeprägten depressiven Phasen sterben durch Suizid.


Symptome

Das passiert mit meiner Psyche:
- sexuelles Interesse lässt nach
- Reizbarkeit
- zunehmende Angst und Lustlosigkeit  
- Apathie
- missmutige Stimmungslage
- depressive Stimmung (keine Trauer)
- Interessenverlust an sozialen Kontakten
- Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit
- pessimistische Zukunftsvorstellungen

Das passiert mit meinem Körper:
- undefinierbare Schmerzen (z. B. unspezifische Kopf- oder Bauchschmerzen)
- chronische Müdigkeit, Schlafstörungen
- Energiemangel
- Appetitlosigkeit


Ab wann zur Therapie?

Jeder Mensch hat traurige und schwere Phasen im Leben. Deshalb ist man noch lange nicht depressionsgefährdet. Wenn Sie allerdings eine oder mehrere der folgenden Fragen mit „Ja” beantworten würden, sollten Sie sich professionelle Hilfe suchen:
  • Ich fühle mich krank oder habe Schmerzen, obwohl mich der Arzt für organisch gesund erklärt hat oder medizinische Befunde keine ausreichende Erklärung dafür bieten.
  • Ich befinde mich in einer belastenden Umbruchsituation (z. B. schwere Krankheit, Tod, Arbeitslosigkeit, Scheidung, Trennung, Unfälle, …), die schwer zu bewältigen ist.
  • Ich fühle mich antriebs- und lustlos, erschöpft oder ständig überfordert.
  • Ich bin oft niedergeschlagen und habe keine Freude am Leben.
  • Ich bin traurig und vereinsamt.
  • Ich komme mit meiner Sexualität nicht zurecht.
  • Ich sehe alles negativ und pessimistisch.
  • Ich denke manchmal an Selbstmord.
Angststörung

Wenn die Furcht das ganze Leben beherrscht:


Diagnose

Ein Patient ist dann von einer Angststörung betroffen, wenn die Angst bei ihm oder ihr ein übersteigertes Ausmaß annimmt. Man unterscheidet:
- Panikstörungen: chronische schwere Angstanfälle mit heftigen körperlichen Symptomen
- Generalisierte Angststörung: grundlose Ängste und Sorgen in vielen Lebensbereichen. Die Symptome treten über den Tag verteilt auf.
- Soziale Angststörung: Menschen mit einer Sozialphobie haben in Situationen Angst, in denen sie sich von ihren Mitmenschen kritisch betrachten lassen (z. B. einen Vortrag halten)
- Spezifische Phobien: Furcht wird durch einzelne Objekte oder Situationen ausgelöst (z. B. Angst vor Insekten, Spritzen).


Symptome

Das passiert mit meiner Psyche:
- Ängste, Sorgen
- Verbitterung, Verzweiflung
- emotionale Verwirrtheit

Das passiert mit meinem Körper:
- Herzrasen, Hitzewallungen
- Ohnmachten oder Schwindelgefühl
- Druck in der Brust, Schwitzen, Zittern


Ab wann zur Therapie?

Jeder hat vor etwas Angst. Wer im Fahrstuhl ein kribbeliges Gefühl hat, leidet deshalb noch nicht an einer behandlungsbedürftigen Angststörung. Wenn Sie allerdings eine oder mehrere der folgenden Fragen mit „Ja” beantworten würden, sollten Sie sich in Behandlung bei einem Psychotherapeuten begeben:
  • Ich denke 80 % des Tages über meine Ängste nach.
  • Ich habe Ängste, die mich belasten oder einschränken: z. B. vor dem Kontakt mit Menschen, Autoritäten, großen Plätzen, engen Räumen, Prüfungen.
  • Wegen meiner Ängste habe ich schon Selbstmordgedanken gehabt.
  • Ich bekämpfe meine Ängste mit Alkohol, Beruhigungstabletten oder Drogen.
  • Wegen meiner Ängste ist meine Partnerschaft ernsthaft in Gefahr.
  • Wegen meiner Ängste habe ich Probleme im Beruf bzw. bin ich arbeitslos.
Suchtverhalten

Wenn Rauschmittel zum Lebensmittelpunkt werden:


Diagnose

Fast jede Sucht entwickelt sich über den Prozess: Erfahrung – Wiederholung – Gewöhnung. Als Gewöhnung (Toleranz) wird die Abnahme der Drogenwirkung bei wiederholter Gabe bezeichnet. Suchtpatienten kompensieren diesen Wirkungsverlust mit immer höheren Dosen. Um von Suchtverhalten bzw. einem Abhängigkeitssyndrom zu sprechen, müssen im Laufe der letzten 12 Monate mindestens 3 dieser 6 Kriterien erfüllt sein:
- starkes, unwiderstehliches Verlangen, ein bestimmtes Rauschmittel zu konsumieren
- verminderte Kontrollfähigkeit über Menge, Zeitpunkt und Dauer der Zufuhr
- körperliche Entzugserscheinungen
- stetige Dosissteigerung
- wachsender Interessenverlust
- anhaltender Konsum trotz nachweisbarer schädlicher gesundheitlicher oder sozialer Folgen


Symptome

Das passiert mit meiner Psyche:
- allgemeines Desinteresse, Gleichgültigkeit
- Stimmungsschwankungen
- Nervosität
- Verleugnung, dass ein Doppelleben geführt wird

Das passiert mit meinem Körper:
- Zittern, Krampfanfälle
- neurologische Strömungen, Gleichgewichtsschwankungen
- Gewichtsverlust


Ab wann zur Therapie?

Ein Glas Rotwein am Abend macht aus Ihnen noch keinen Alkoholiker. Wenn Sie allerdings eine oder mehrere der folgenden Fragen mit „Ja” beantworten würden, sollten Sie sich in Behandlung bei einem Arzt oder Psychologen begeben:
  • Ich konsumiere täglich Rauschgiftmittel.
  • Wenn ich kein Rauschmittel nehme, leide ich unter Entzugserscheinungen.
  • Ich leide unter Schlafstörungen.
  • Meine sozialen Kontakte haben sich verringert.
  • Ich habe wenig Freude daran, etwas ohne Rauschmittel zu unternehmen.
  • Ich leide unter Konzentrationsschwäche und komme beruflich nicht voran.
  • Das meiste von meinem Geld gebe ich für Drogen, Alkohol, Tabletten aus.
  • Ich muss ständig meine Dosierung steigern, um einen Effekt zu spüren.
Burn-out

Wenn seelische Belastungen die Gesundheit gefährden:


Diagnose

Menschen mit Burn-out, sind ausgebrannt und erleiden einen andauernden Zustand emotionaler Erschöpfung. Burn-out ist oftmals die Folge von beruflicher oder privater Überbelastung, die mit den unten genannten Symptomen einhergeht.


Symptome

Das passiert mit meiner Psyche:
- emotionale Erschöpfung
- reduzierte persönliche Leistungsfähigkeit
- Konzentrations- und Gedächtnisprobleme
- Entscheidungsunfähigkeit
- Gleichgültigkeit
- Verzweiflung
- Neigung zum Weinen

Das passiert mit meinem Körper:
- Schlafstörungen, chronische Müdigkeit und Energiemangel
- Ohrensausen
- Herzrasen
- Engegefühl in der Brust
- Nachtschweiß, Atembeschwerden
- Übelkeit, Schwächegefühl


Ab wann zur Therapie?

Stress und das Gefühl von Überforderung locken uns aus unseren Komfortzonen heraus. Dadurch überschreiten wir Grenzen und entwickeln uns weiter. Sehen wir diese Überforderungen jedoch als Bedrohung an, die nicht zu bewältigen ist, können Gefühle von Angst und Frustration auftauchen. Wird dieser Stress zum Dauerzustand, können die vorhin genannten Symptome folgen. Wenn Sie eine oder mehrere der folgenden Fragen mit „Ja” beantworten würden, sollten Sie sich in Behandlung bei einem Arzt oder Psychologen begeben:
  • Meine Arbeit hat immer Priorität. Ich vernachlässige meine eigenen Bedürfnisse.
  • Ich kann nur schwer entspannen und habe das Gefühl, immer etwas tun zu müssen.
  • Ich empfinde eine „innere Leere“, fühle mich energie- und antriebslos.
  • Ich fühle mich krank und habe körperliche Beschwerden, obwohl mein Arzt eine physische Krankheit ausgeschlossen hat.
  • Ich bin völlig überfordert und erschöpft und komme manchmal gar nicht mehr aus dem Bett.
  • Ich leide unter Schlaflosigkeit, Nachtschweiß, Ohrensausen.
  • Ich habe keine Freude mehr daran, etwas zu unternehmen und ziehe mich von meiner Umwelt zurück.

In den USA gehört Seelen-Hygiene zum guten Ton. Auch in unseren Breiten wird der regelmäßige Gang zum Therapeuten immer salonfähiger. Was bringt der regelmäßige Seelen-Strip vor einem Experten?

Katrin Lampe: Therapie sollte nicht nur als eine Behandlung von Leidenszuständen, sondern auch allgemein als Möglichkeit zur Persönlichkeitsentwicklung gesehen werden. Das Wissen über die eigenen unbewussten Motive, nach denen wir handeln, hilft sich im Leben nicht immer wieder nach alten Mustern zu verhalten – z. B. jedes Mal einen gewalttätigen Partner wählen/immer wieder im Job in Konflikte mit Vorgesetzten geraten etc. Eine gelungene Therapie schafft neue Handlungsmöglichkeiten und generell ein befreites Leben.

Ursachen und Heilung 1/2
Ursachen: Folgende Faktoren können in Kombination zu einer psychischen Störung führen:
Biologische Ursache (Genetik, Veränderung des Hormonhaushalts, Alter)
Psychologische Ursache (Frustrationstoleranz, Selbstbewusstsein, Selbstreflexion, Glaubenssätze)
Soziale Ursachen (Arbeitssituation, Partnerschaft, Familie)
Methoden im Check: Verhaltenstherapie: Das symptomatische Verhalten wird anhand unterschiedlicher Beschreibungsebenen klassifiziert (Verhaltensanalyse). Dabei werden motorische (was tut jemand), kognitive (was denkt jemand), psychophysiologische (wie reagiert der Körper) und emotionale Ebene unterschieden. Neben der Verhaltensanalyse werden die Bedingungen bestimmt, die zur Entwicklung des Symptoms und/oder zur Auslösung des Symptoms beitragen.

Psychoanalyse: Diese Methode untersucht unbewusste seelische Vorgänge. Dadurch ist es möglich, ein Verständnis zu entwickeln für die Dynamik quälender Ängste, Scham oder Schuldgefühl, schwer beherrschbare Wut, Depressionen, Essstörungen etc. Der Patient erlangt eine Weiterentwicklung und Veränderung der Persönlichkeitsstruktur, wodurch Lebenssituationen mit neuen Möglichkeiten bewältigt werden können.

Gesprächstherapie: Das Ziel einer Gesprächstherapie besteht darin, den Patienten von inneren Zwängen zu befreien und einer Selbstentfremdung entgegenzuwirken. Bei diesem Verfahren wird keine Beseitigung des ursprünglichen Problems angestrebt, sondern eine Weiterentwicklung der Persönlichkeit des Betroffenen. Der Patient erhält dadurch die Möglichkeit, mehr Vertrauen zu sich selbst zu gewinnen, eine neue innere Bewertungsinstanz zu entwickeln und zunehmend offen für Veränderung zu werden.

Gängige Praxis: Ich suche mir erst Hilfe, wenn es mir schlecht geht. Wem empfehlen Sie therapeutische Betreuung und in welchem Stadium, was Gefühlslagen und Wohlbefinden betrifft?

Lampe: Leider ist es tatsächlich oft so, dass man erst beim Therapeuten landet, nachdem man schon alles andere ausprobiert hat. Grundsätzlich empfehle ich natürlich so früh wie möglich professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, nicht erst, wenn die Symptome so überhandgenommen haben, dass die Lebensqualität bereits massiv beeinträchtigt ist. Auch bei psychischem Leid gilt: Je länger man zuwartet, desto chronischer wird es, desto schwieriger gestaltet sich die Behandlung.

Das „Wann“ wäre geklärt. Bleibt das „Wie“ offen. Was empfehlen Sie bei der Suche nach dem richtigen Therapeuten und wie erkenne ich einen guten Therapeuten?

Lampe: Das Wichtigste bei der Therapeutenwahl ist: Der Patient muss sich wohlfühlen. Darum rate ich dazu, nicht nur mit einem, sondern mit mehreren Therapeuten Erstgespräche zu führen. Studien der Psychotherapieforschung haben dies belegt – einer der Hauptwirkfaktoren der Therapie ist eine stabile, vertrauensvolle Beziehung zwischen Patient und Therapeut. Abgesehen davon ist auch die Wahl der passenden Methode zu bedenken: Verhaltenstherapie, Psychoanalyse, systemische Familientherapie etc. Die meisten Therapeuten beschreiben ihre Methode sehr gut auf ihrer Website. Hier sollte sich der Patient wirklich Zeit nehmen, sich ausreichend zu informieren.

Unterschied Psychologe, Psychotherapeut und Psychiater. Wann zu wem? Und wer ist mein erster Ansprechpartner?

Lampe: Allgemein gesprochen ist der Psychologe im klinischen Feld für Testungen und den daraus resultierenden Diagnosen des Patienten zuständig – z. B. Persönlichkeitstests. Der Psychiater ist Mediziner, und als solcher berechtigt, verschreibungspflichtige Medikamente (Anm.: Psychopharmaka) zu verordnen. Der Psychotherapeut gestaltet je nach methodischer Ausrichtung die Therapie. Wünschenswert ist eine Zusammenarbeit aller drei Disziplinen. Oft suchen die Patienten zuerst den Facharzt für Psychiatrie auf, da Medikamente schnelle Erleichterung der Leidenszustände bringen. Für ein nachhaltiges Ergebnis ist eine Therapie meist unerlässlich.

Eine Therapie ist auch immer eine Frage des Geldes. Welche Möglichkeiten gibt es, eine kostenlose Beratung und Betreuung zu bekommen?

Lampe: Es besteht die Möglichkeit „Psychotherapie auf Krankenschein“ finanziert zu bekommen oder bei niedergelassenen Therapeuten, ohne Finanzierungsmodell einen Antrag auf Kostenzuschuss zu stellen. Kostengünstige Therapieplätze bieten auch psychotherapeutische Ambulanzen (Anm.: z. B. SFU Ambulanz) an. Längere Wartezeiten sind allerdings einzuplanen. Manche Therapeuten ermöglichen auch Therapie zu Sozialtarifen.

Zum Abschluss eine persönliche Frage: Als Psychoanalytiker steht man lange unter Supervision und Eigenanalyse. Was war das Spannendste, das Sie erfahren durften?

Lampe: Die Ausbildung zum Psychoanalytiker erfordert es, sich jahrelang selbst in Therapie zu begeben, um die persönlichen Schwachstellen erkennen und anschließend bearbeiten zu können. Diese sogenannte „Lehranalyse“ empfinde ich als größtes Geschenk, das man sich selbst und seinen Patienten machen kann. Nichts ist schlimmer, als ein Therapeut, der die eigenen Probleme nicht erkennt und sie seinen Patienten andichten will.

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